Konzertbericht zum Ragnarök 2011

Ende April fand in der Stadthalle in Lichtenfels das mittlerweile 8. Ragnarök Festival statt. Leider mussten die Veranstalter in diesem Jahr eine ganze Reihe von Bandabsagen hinnehmen. Frühzeitig hatten WOLFCHANT die Segel gestrichen. Es folgten kurz vor dem Festival HAMMERHORDE, VRANKENFORDE und – am gravierendsten – SHINING. In letzter Minute sprangen dann auch noch Sahg ab. Zwar wurden auf die schnelle noch drei Ersatzbands verpflichtet (HELRUNAR, ADORNED BROOD und ARAFEL), doch dürfte vor allem die Absage von KVARFORTH und Co. einige Zuschauer sehr enttäuscht haben. Auch organisatorisch habe ich Grund zu meckern. Das gleiche Problem wie 2009 – die Wege am Mainufer standen nicht zum Parken zur Verfügung (obwohl im Festival-Programmheft etwas anderes steht). Das hatte zur Folge, dass man als etwas später Anreisender wieder auf die angrenzenden Wohngebiete ausweichen musste. Die Situation war insofern nicht ganz so problematisch, da zumindest am Freitag deutlich weniger Zuschauer zugegen waren (man hätte sogar noch Platz in der Schlafhalle bekommen) als 2009. Auch angesichts dieser Tatsache ist wohl der erneute Umzug in die wesentlich größere Ostbayernhalle in Rieden eher unwahrscheinlich. Die Veranstalter haben bereits angekündigt, dass auch im kommenden Jahr Lichtenfels Austragungsort des Festivals sein wird. Ansonsten bleibt anzumerken, dass es in diesem Jahr einige Stromausfälle gegeben hat, die aber immer relativ schnell wieder behoben wurden. An den anderen Begebenheiten hat sich nicht viel verändert. Preise für Essen und Trinken sind relativ fair (wenn auch das Bier nicht gerade sehr schmackhaft ist), die Location mit der Tribüne ist relativ praktisch, und das separate Merchandising Zelt war auch an gewohnter Stelle. Am neuen Stand des Likörherstellers mit dem tollen Namen „Ficken“ schieden sich dagegen die Geister. Gegen die dort gespielte klassische Metal-Musik ist nichts zu sagen, aber diese übertriebene Party-Attitüde, die vermittelt wurde, passt meiner Meinung nach nicht zum Ragnarök. Eine Entwicklung wie auf dem Wacken Open Air, wo mittlerweile zwei Drittel der Leute nur kommt, um sich zu besaufen und Party zu machen, würde ich ziemlich schade finden. Angesichts der Größenverhältnisse ist damit aber auch nicht wirklich zu rechnen.

 

Erstmals in Lichtenfels wurde das im letzten Jahr in Rieden erprobte Zwei-Bühnen-Konzept eingesetzt. Das heißt, die Umbaupausen konnten in der Regel auf zehn Minuten begrenzt werden. Somit war der Ablauf an beiden Tagen relativ reibungslos. Die erste Band Bifröst verpasste ich dennoch, was aber einzig daran lag, dass ich nicht rechtzeitig in Lichtenfels angekommen bin. Die ersten Klänge, die ich somit hörte, waren Mittelalter-Rock und stammten von IGNIS FATUU. Richtig schlecht war die Band nicht, aber es ist nicht unbedingt die Musik, die ich mir zuhause anhören würde. Etwas Abwechslung kam immer dann auf, wenn die junge Dame, die sonst für die Flötentöne zuständig ist, zum Mikrofon griff und ein paar Vocals beisteuerte. Pagan Metal der thüringischen Schule gab es im Anschluss zu hören. Odroerir gehen dabei eher ruhig zu Werke, haben viele folkloristische Instrumente dabei und lassen nur selten die Gewalt ausbrechen. Der Auftritt wusste sehr zu gefallen. Es wurden alle drei Alben bedacht, wenn auch das von mir präferierte Stück „Iring“ leider nur in Auszügen beim Soundcheck verwendet wurde. Die Leute vor der Bühne hatten trotzdem ihren Spaß und beim abschließenden „Zur Taverne“ kam dann richtig Stimmung auf.

 

In diesem Jahr hatte ich stark den Eindruck, dass die Bands nach Ländern gestaffelt auftreten mussten. Jedenfalls folgte nun der Franzosen-Block. Während BRAN BARR mit ihrem folkloristisch aufgepeppten, eher traditionellen Pagan Metal noch gut zu gefallen wussten (vor allem die Geigerin mit dem stoischen Gesichtsausdruck sorgte für Farbtupfer), waren ALCEST für mich die größte Enttäuschung des Festivals. Avantgarde Black Metal nennt man so etwas wohl. Ich nenn' es einfach nur pure Langeweile (es sollen wohl auch Leute dabei im Stehen eingeschlafen sein...). Und dazu noch ein völlig unmotivierter Jammergesang. Absolut nicht meine Baustelle.


Ignis Fatuu

 

Es folgte der Finnland-Block: CATAMENIA machten den Anfang. Irgendwie hatte ich von der Band, die ihren im Vorjahr verpassten Auftritt nachholte, etwas ganz anderes erwartet. Melodischen Black Metal mit dominantem Keyboard. Doch dies war nicht der Fall. Keine Keyboards, straighter Death Metal und ein Sänger im Metalcore-Outfit. Dennoch konnte die Band mit ihrem energiegeladenen Auftritt punkten. Erwartungsgemäß beim Verfasser dieser Zeilen punkten konnten auch BATTLEORE. Die Tolkien-Jünger gehören zu meinen absoluten Lieblingsbands. Leider sahen das nicht alle so. Es waren doch einige Lücken vor der Bühne vorhanden. Dennoch zeigten die Finnen einen klasse Auftritt. Kajsa war gut bei Stimme, und auch sonst gab es keine Soundprobleme. Überraschend mit „Sons Of Riddermark“ starteten sie in einen Set, der natürlich vom neuen Album „Doombound“ dominiert wurde. Zum Glück von den besseren Songs wie „Iron Of Death“, „Bow and Helm“ oder „Kärmessurma“. Aber auch die anderen Alben wurden bedacht. Wobei natürlich angesichts der Spielzeit von 45 Minuten einige Klassiker fehlten. Einigen HELRUNAR-Fans war die Spielzeit wohl dennoch zu lang und sie zeigten Battlelore den Stinkefinger und riefen lautstark nach ihren Faves. Für so ein asoziales Verhalten habe ich echt kein Verständnis. Sollen sie halt draußen warten…

 


Bran Barr


Blackshore

Nichtsdestotrotz legten HELRUNAR im Anschluss einen genialen Gig hin. Die Band kann ja nix für das Verhalten eines (kleinen) Teils ihrer Fans. Frontmann SKALD DRAUGIR war sichtlich gut gelaunt, fragte, warum denn so viele Leute hier wären, wo doch zeitgleich in England die königliche Hochzeit gefeiert wurde und wies nochmals darauf hin, dass der Auftritt eigentlich gar nicht geplant war, man aber gerne ausgeholfen habe. Dennoch hatten Helrunar zwei Probleme: Ihre Spielzeit war zu kurz und ihre Songs zu lang. Dementsprechend gab es nur „Kollapsar“, „Unter Dem Gletscher“ und „Nebelspinne“ vom neuen Machtwerk „Sól“, „Ich Bin Die Leere“ vom Debüt und natürlich „Älter Als Das Kreuz“. Für meinen Geschmack waren Helrunar ein mehr als würdiger SHINING-Ersatz. Die Band verkörpert die perfekte Mischung aus Härte, Emotion, Authentizität und dem Gespür für gute Songs.

 

Ob man das auch von den nachfolgenden GRAVEWORM behaupten kann? In jedem Fall gingen die Südtiroler mit brachialer Härte zur Sache. Der Keyboard-Black-Metal der alten DIMMU-BORGIER-Schule wusste vielen Anwesenden zu gefallen. Die eher experimentelle Seite aus „(N)Utopia“-Zeiten hat man wieder ad acta gelegt. Ein solider Auftritt. Nun war es Zeit für Norwegen, Zeit für (Viking)-Black Metal. Den Anfang machten KAMPFAR. Frontmann DOLK hatte die überraschend große Ansammlung von Fans vor der Bühne gut im Griff. Und im Gegensatz zu seinen Mitstreitern verkörperte er auch vom Outfit her das Metal-Image perfekt. Zu hören gab es einige Songs aus der Phase vor dem Bandsplit wie „Norse“ oder „Hymne“, der Schwerpunkt lag aber auf dem neuen Album „Mare“ und den Songs der Alben nach der Reunion 2006. „Ravenheart“ setzte den Schlusspunkt unter einen mächtig abgefeierten Gig. Hätte ich so nicht erwartet. Eher von ihren Landsleuten ENSLAVED, die im Anschluss das Level in etwa halten konnten. Mir persönlich klingen die Altmeister insbesondere mit dem neueren Material zu progressiv. Aber es gab auch Songs vom Schlage eines „Allfáðr Oðinn“, die für alles entschädigten. Den Abschluss des ersten Tages bildeten die neu zusammengewürfelten NEGURA BUNGET. Die Rumänen haben die personelle Frischzellenkur aber gut überstanden. Von ein paar Soundproblemen abgesehen, knüpfte der Auftritt nahtlos an die gelungene Vorstellung von 2008 an. Sehr beeindruckend, die vielen seltsamen Instrumente – vom Alphorn bis zu Holzklöppeln. Das alles in Verbindung mit dem extremen Black Metal ist schon eine Kombination, die ihresgleichen sucht.

Der nächste Tag begann mit einer positiven Überraschung. Die als True-Black-Metal-Underground-Sensation gehandelten BLACKSHORE entpuppten sich als äußerst erfrischende oldschool Black-Thrash-Metal-Granate mit gehörig Rock und Punk Wurzeln. Wenn auch das Corpsepaint und das militaristische Image der Band ein anderes Bild vermitteln, so hatte ich den Eindruck, dass die Jungs die ganze Sache nicht so bierernst sehen. Und trotz der frühen Stunde (12 Uhr Mittags) hatten sich auch schon einige Banger eingefunden, um das spielfreudige Trio zu unterstützen. Weniger überraschend, zumal aus dem Vorjahr bekannt, spielten danach CTULU aus Delmenhorst ihren H. P. LOVECRAFT beeinflussten Black Metal. Rein optisch machten die Jungs in ihrer eigenen Banduniform und dem souveränen Posing schon einiges her, musikalisch hat es mich aber nicht so vom Hocker gehauen. Gleiches gilt für die Oberhausener PATH OF GOLCONDA mit ihrem melodischen Einheits-Black/Death-Metal. In Erinnerung geblieben ist mir nur der Sänger, der aussah wie der gute alte PETER STEELE (R.I.P.).

 

 

Das nächste echte Highlight folgte dann mit DALRIADA. Die Ungarn bieten Folk-Metal der Spitzenklasse. Sängerin LARA ist zwar gerade mal ´nen Kopf größer als ein Dackel, aber das gleicht sie durch eine unglaubliche Energieleistung wieder aus. Ergänzt werden die sehr folkigen und tanzbaren Stücke durch diverse Gesangsstile von klarem männlichem bis weiblich keifendem Gesang. Das Publikum nahm die in unseren Breitengraden noch nicht so bekannte Band dankbar auf. Mehr davon! ARAFEL waren als Ersatzband gestartet, mussten sich aber um mangelnden Zuschauerzuspruch keine Sorge machen. Immerhin hat man Ex-EQUILIBRIUM-Frontmann HELGE hinter dem Mikro. Auch sonst machte die israelisch-russisch-deutsche Combo einen engagierten Eindruck. Die Spielfreude war jedem einzelnen Musiker anzumerken. Leider hat der Sound nicht ganz so mitgespielt. Die Geige war zum Teil nicht zu hören. Dennoch ein gelungener Auftritt. Mit der Entwicklung von ADORNED BROOD bin ich dagegen alles andere als zufrieden. Als eine der ersten deutschen Pagan Bands mit ernstzunehmendem Anspruch ist die Band mittlerweile zu einer profanen Mitschunkel-Kapelle verkommen. Sicherlich wissen das viele im Publikum zu goutieren, mir persönlich vergeht da aber die Freude, gerade wenn ich an gelungene Alben wie „Wigand“ oder „Asgard“ denke und dann 0815-Nummern wie „Lead My Ship“ oder „Pagan Knights“ hören muss.

 

Im Anschluss gab es dann anspruchsvollen, deutschen Black Metal im Doppelpack. Sowohl EЇS als auch AGRYPNIE wussten durchaus zu gefallen. Beide gehen grob in die Richtung HELRUNAR, ohne allerdings deren Klasse ganz zu erreichen. Es folgte der Schweden-Dreierpack. Ließen mich VALKYRJA mit ihrem Standard-Black-Metal im dezenten Corpsepaint noch relativ kalt, kam danach eines der echten Highlights des Festivals. MANEGARM rockten mal wieder alles in Grund und Boden. Kaum eine andere Band vermag es, harten Metal und schöne Folkmelodien so authentisch und gekonnt miteinander zu verbinden und natürlich auch live so rüberzubringen, dass man quasi dazu abgehen muss. Gespielt wurden die Highlights der neueren Alben wie „Genom Världar Nio“, „Mina Fäders Hall“ oder „Sigrblot“. Die Frühphase wurde leider genauso ausgespart wie Stücke der reinen Folk EP „Urminnes Hävd“. Dafür wurde der tosende Mob mit einem erstklassigen Finale aus „I Evig Tid“ und „Hemfärd“ entlassen. Noch voller wurde es im Anschluss bei THYRFING. Dennoch konnten sie das Stimmungslevel nicht ganz halten, was auch an den leichten Soundproblemen gelegen haben könnte. Die Songauswahl ließ jedenfalls keine Wünsche offen. Eine echte Best of Setlist, die jedes Album der Bandgeschichte berücksichtigte, „Från Stormens Öga“ vom letzten Album „Hels Vite“ bis hin zu “Going Berserk“ vom selbstbetitelten Debüt. So langsam wird es allerdings mal wieder Zeit für musikalischen Nachschub in Form eines neuen Albums!

 

 

Es folgte eine kleine Überraschung. Insgeheim hatte ich mich schon auf die Reaktionen des Publikums gefreut, wenn Jesus Christus persönlich die Bühne des Ragnaröks betritt, doch ORPHANED LAND Frontmann KOBI war heute „in zivil“ unterwegs. Die orientalische Musik der Israelis war zwar somit das Exotischste, was ich je auf diesem Festival gehört habe, aber im Grunde ist es ja auch nur Folklore. Mit einem gehörigen Schuss Metal natürlich. Die Band wurde auch mehr als wohlwollend aufgenommen. Etwaige Befürchtungen aufgrund der Herkunft der Musiker in Verbindung mit dem Generalverdacht, Pagan Metaller sein alles verkappte Nazis, waren daher völlig fehl am Platz. Als alter BATHORY Fan hatte ich große Erwartungen in den Tributauftritt von TWILIGHT OF THE GODS gesetzt. Und diese wurden auch weitestgehend erfüllt. Da QUORTHON es stets abgelehnt hatte, live zu spielen, war es nun das erste Mal, dass ich seine Songs zu Gehör bekommen sollte. Dementsprechend fieberte ich dem Beginn entgegen. Und wurde überwältigt. Was für ein super Sound, was für eine Stimmung. Songs wie „Shores in Flames“, „A Fine Day To Die“, „Under The Runes“ oder „Father To Son“ einmal live zu sehen war unbeschreiblich. Wenn es denn Kritikpunkte gibt, dann vielleicht die Songauswahl. Ich hätte schon gerne auch Stücke aus der Frühphase, insbesondere von „Under The Sign Of The black Mark“ gehört, und dass „One Rode To Asa Bay“ fehlte, ist eigentlich kaum nachvollziehbar. Außerdem klang Sänger ALAN naturgemäß manchmal eher nach PRIMORDIAL als nach QUORTHON. Aber das ist wohl verzeihlich wenn bedenkt, wie wunderbar authentisch die Atmosphäre der Band sonst rekonstruiert wurde. Und das phänomenale „Blood Fire Death“ zum Abschluss ließ dann wirklich alle Zweifel verstummen. Dem konnten OBSCURITY nicht mehr viel entgegensetzen. Auch wenn der schnörkellose Pagan Metal aus dem Bergischen alles andere als schlecht war, nach diesem hoch emotionalen Moment, war bei mir keine große Begeisterung mehr möglich. Außerdem finde ich es verfehlt gleich von einem „Special Gig“ zu sprechen, nur weil ein paar Pyros gezündet werden. Ein bisschen Show sollte doch wohl zu jedem guten Auftritt dazu gehören? Ich will OBSCURITY nicht schlechter reden als sie sind. Songs wie „Nach Asgard wir reiten“, „Varusschlacht“ oder „Schutt und Asche“ wissen natürlich schon zu gefallen.

 

Manche Leute muss man wohl nicht verstehen. Sicher: TODTGELICHTER sind mit ihrer seltsamen Mischung aus optisch weißem Black Metal und experimentellem Art Rock nicht jedermanns Sache, trotzdem muss man sie noch lange nicht mit Bierbechern bewerfen. Zumal es auch noch die letzte Band des Festivals war und man dann bei Nichtgefallen wohl den Nachhauseweg einschlagen hätte können. Jedenfalls traf ein Becher (nachdem Sängerin MARTA kurz zuvor knapp verfehlt wurde) Sänger NILS direkt am Kopf. Es ist der Band hoch anzurechnen, dass sich der Frontmann nicht in Schiedsrichtermanier hat fallen lassen und es zum Abbruch kam, sondern nach kurzer Unmutsäußerung souverän weiter gespielt wurde. Zum Glück gab es dann auch keine weiteren Vorfälle, so dass das 8. Ragnarök einen musikalisch zwar etwas seltsamen aber dennoch gelungenen Ausklang fand. Die Erkenntnis der Hamburger Band „Der Mensch ist eine Krankheit“ habe ich jedenfalls mit auf den langen Nachhauseweg genommen…


Dalriada


Battlelore

 

 


Path Of Golconda


Ctulu


Arafel

 

Alexander Dontscheff – www.sounds2move.de

 

 

Link: www.ragnaroek-festival.com