Festivalbericht zum M´era Luna 2011 (1. Tag)

 

Das M´era Luna Festival, hauptsächlich und vor allem als In-Event für die große Schwarze Szene in Deutschland gedacht, spricht Jahr für Jahr auch immer eine amtliche Zahl Metaller mit seinem Programm an, schließlich sind musikalisch wie szenetechnisch die Grenzen teilweise nicht immer leicht nachvollziehbar, sondern fließend. Und der Weg sollte sich auch 2011 lohnen…

 

Die ersten Nasen sollen die Newcomer WINTERSPRING mit ihrem Electro-Rock vor die Hauptbühne locken, bevor der (schlechte) Rammstein-Abklatsch OSTFRONT seine halbe Stunde Spielzeit bekommt. Fazit: Patrick Lange sollte lieber bei seinen Tanzwut-Leisten bleiben. Wenigstens die Optik stimmt halbwegs. Es folgt der folkige Doppelschlag mit den Pagan-Folk-Baumkuschlern OMNIA und den fast schon kultigen QNTAL, die mit ihrem eher zurückhaltenden, ruhigen Sound zwischen Mittelalter und Electronika („Palästinalied“) zur Entspannung, nicht aber zur überschwänglichen Stimmung beitragen. Das schaffen schon eher LEAVES’ EYES, die als erster Pflichtprogrammpunkt auf der Headbanger-Agenda geführt werden. Liv Kristine und ihre Jungs müssen für den Geschmack vieler deutlich zu früh auf die Bühne, lassen sich die Stimmung davon aber traditionell nicht vermiesen. Der Zuschauerzustrom, der bereits bei Qntal sichtbar war, zieht jetzt noch einmal an, sodass die Leute bis hinter den FOH-Turm stehen, um sich von „Take the Devil in me“ und „My Destiny“ verzaubern zu lassen. Sogar die Coverversion „To France“ kommt gut an, und die neu besetzte Mannschaft hinterlässt bereits einen guten Eindruck, der nur vom nervtötenden Kamerakran auf der linken Bühnenseite getrübt wird. Wie gut, dass einem Übersong wie „Froya’s Theme“ nicht einmal diese bewegliche Sichtblockade etwas anhaben kann. Den Applaus am Ende gibt es jedenfalls zu Recht – und viel zu früh!

 

Bei MESH sind wenig später eher wieder die Tänzer in ihrem Element. Die britischen Synthie-Popper haben unbestritten ihr Publikum, das an den eingängigen Songs auch absolut Gefallen findet. Bereits der Opener „Only better“ kommt gut an, ebenso „Friends like these“. Höhepunkt der Show ist der Gastauftritt der lettischen Sängerin Victoria Anselmo, die bei zwei Songs ihre klare Stimmung zu Gehör bringe darf. Solche süßen Klänge sind bei der nächsten Band nicht zu erwarten: EQUILIBRIUM aus München dürfen für sich den Preis als härteste Band im Billing verbuchen und geizen weder mit saftiger Doublebass, noch mit derben Grunts des längst nicht mehr ganz so neuen Frontmanns Robert Dahn. Die Metaller auf dem Gelände zieht es jedenfalls geschlossen vor die Hauptbühne, sodass „Effibrilium“ überraschend euphorisch begrüßt werden. Es ist nicht brechend voll, aber wer da ist hat definitiv Bock auf den epischen Pagan Metal bayerischer Prägung. Der Hit „Blut im Auge“ kommt heute überraschend früh zum Zuge, allerdings kann man auch mit „Heimwärts“ und „Met“ noch mindestens gleichwertig nachlegen. Die Stimmung ist sogar so gut, dass die Band sich an der Initiierung der ersten Wall of Death des Festivals versucht, allerdings mit überschaubarem Erfolg. Egal, denn zum abschließenden Gassenhauer „Unbesiegt“ mit seiner breiten Epik und dem fast schon Dancebeat-mäßigen Keyboard hüpft die Menge trotzdem vergnügt vor sich hin und beschert Equilibrium ein würdiges Finale. Dass angesichts der breiten Orchestrierung (Ensiferum lassen grüßen) viel vom Band kommt (bzw. kommen muss), kann da gerne verziehen werden.

 

 

 

Riffpuristen müssen im Anschluss ganz stark sein: Mit BLUTENGEL entern danach die von Kritikern als „Modern Talking des Goth“ titulierten Berliner das Podium, die selbst innerhalb der Szene für weit auseinander driftende Meinungen sorgen. Wer Chris Pohl und seine Mädels schon einmal live gesehen oder auch nur gehört hat, weiß warum. Kein Klischee ist den Hauptstädtern zu flach, gefühlt kommt kein Text ohne Angel, Blood, Dark, Night, Pain oder Love – bei Bedarf natürlich auch das entsprechende deutsche Wort – aus. Das und die durch choreographierte Bühnenshow mit Feuer, Pyro, Kunstblut und Ausdruckstanz kann und darf man verteufeln oder belächeln, aber man muss auch neidlos anerkennen, dass es vor der Bühne dann doch ziemlich voll geworden ist. Womit wir bei einer ganz signifikanten Parallele zum eben erwähnten deutschen Eunuchenduo wären: Die Platten verkaufen sich wie geschnitten Brot, aber offiziell ist es natürlich keiner gewesen. Dafür sind viele bei den ollen Kamellen „Children of the Night“ und „Bloody Pleasures“, aber auch „Engelsblut“ und der aktuellen Auskopplung „Über den Horizont“ überraschend textsicher. Und eines muss man, Klischee-Keule hin oder her, zugeben: „Vampire Romance“ ist einfach ein Ohrwurm. Mittlerweile nur leider ohne Beteiligung von Sängerin Constance Rudert, die ist nämlich 2010 ausgestiegen. Nach so viel Theatralik, brennenden Hulahubreifen und Künstlichkeiten wird es wieder Zeit für echte, handgemachte Musik. APOCALYPTICA sind erklärte Meister an ihren Instrumenten und auch sonst eine tolle Formation, die den durchgehenden Sonnenschein während ihrer Show mal einfach verdient hat. Die Finnen strahlen artig mit der Sonne um die Wette und haben ein Stündchen feinste Unterhaltung im Gepäck. Während das Backdrop das wunderbare Covermotiv des aktuellen Tellers „The 7th Symphony“ zeigt, fiedeln sich die vier Nordlichter grinsend, bangend und posend in einen Rausch, der mit dem schon an Position 2 platzierten Metallica-Kniefall „Master of Puppets“ schnell seinen ersten Höhepunkt erlebt. „I’m not Jesus“ kann da locker anknüpfen, nicht nur weil die Apos inzwischen sogar einen Sänger mit auf Tour nehmen, um diesem und anderen Songs noch eine weitere Facette hinzufügen zu können. Neu ist übrigens auch, dass Eicca Toppinen hierbei persönlich die Backing Vocals übernimmt. Es folgt das grandiose „Bring them to Light“ - auf dem Album von Gojiras Joseph Duplantier eingesungen -, sodass Sangesbarde Tipe Johnson gleich auf der Bühne bleiben kann, bevor es sich die drei Cellisten allein mit ihren Instrumenten auf Stühlen in der Bühnenmitte bequem machen und eine Gänsehautfassung von „Nothing else matters“ raus hauen. Für Sentimentalitäten ist allerdings keine Zeit, und so wird ab diesem Zeitpunkt wieder aufs Tempo gedrückt, die Musiker necken sich untereinander, machen Späße mit dem Publikum und kredenzen noch mehr Coverversionen, zum Beispiel Sepulturas Klassiker „Inquisition Symphony“, bei welchem einer der Musiker immer am Rad drehen darf, während sich die beiden anderen auf den Song konzentrieren und Mikko Siren im Hintergrund wie gewohnt mit der Präzision eines Uhrwerks und der Wucht eines Presslufthammers zu Werke geht. Noch schnell die Edvard Grieg-Huldigung „In the Hall of the Mountain King“ (samt eingeflochtenem „Freude schöner Götterfunken“) ausgeballert und fertig ist das erste richtig große Highlight des Festivals.

 

Und das allergrößte folgt auf dem Fuße. Es sollte das einzige Festival des kompletten Jahres für ASP sein, die sich zudem erst wenige Wochen vor dem Konzert vom langjährigen Gitarristen und zweiten kreativen Kopf Matze Ambre getrennt haben. Ein besonderer Anlass also, und der Rahmen könnte kaum feierlicher sein. Der Platz vor der Bühne platzt inzwischen aus allen Nähten, es ist dunkel geworden, die Hauptbühne samt aller Devotionalien und des Aufbaus der Frankfurter steht bereit – es ist angerichtet. Was folgt sind 75 Minuten pure Dominanz, ein Feuerwerk aus Überhits (wenn man bedenkt was hier noch alles aus Zeitgründen weg gelassen wurde…) und eine Show, die man in diesem Umfang noch nie von ASP gesehen hat. Tolles Licht, oberamtliche Pyros und Feuerspiele. Kurz: ein Schmaus für Augen und Ohren. Das geniale „Schwarzes Blut“ wird direkt nach „Sanctus“ dem gierigen Mob zum Fraß vorgeworfen, der noch gar nicht so recht weiß wie ihm geschieht, dann aber jede Zeile inbrünstig mitschmettert. „Wechselbalg“, gerade ganz frisch als Vorabsingle zum neuen Album „Fremd“ erschienen, hinterlässt einen guten Eindruck, und das sich direkt anschließende „Und wir tanzten“ erzwingt die erste meterdicke Gänsehaut. Eine potentielle Zugabe eigentlich? Von wegen – nicht hier und nicht heute! Die schon betagte Ballade trifft diesmal mitten ins Herz, wozu auch der Umstand beiträgt, dass die Gothic Rocker es per Schnipselkanone wahrhaftig zweimal aus dem Hildesheimer Nachthimmel schneien lassen. Hier passt einfach alles! Ok, fast alles. Extra für diesen Abend hatte Asp Speng eine besondere Coverversion angekündigt, die zum ersten und auch einzigen mal dargeboten werden sollte. Kräftig geschürte Erwartungen also, die „Temple of Love“ (Sisters of Mercy) jedoch leider nicht erfüllen kann. Dafür wurde die Nummer einfach schon viel zu oft auch von anderen Künstlern (u.a. in einer wüsten Version von Deadlock) interpretiert. Die Umsetzung ist zwar bemüht und hingebungsvoll, und auch das Publikum scheint weitestgehend zufrieden, aber das Niveau der Asp’schen Hausmannskost ist heuer trotzdem höher. Was zum Beispiel beim schmissigen „Werben“ klar wird, das ASP hinten raus allerdings in Sachen Mitsingspielchen etwas überstrapazieren. Frontmann Asp ist angesichts des folgenden Jubels nicht zum ersten mal an diesem Abend regelrecht sprachlos und muss mit den Worten und der eigenen Fassung ringen. Diese Bewegtheit auf und vor der Bühne kommt von Herzen und ist ungekünstelt, das merkt man zu jeder Sekunde. Inzwischen ist die Zeit wie im Flug vergangen, sodass nur noch das eher selten gehörte „Biotopia“ (von „Requiembryo“) und natürlich die Goth-Rock-Göttergabe „Ich will brennen“ auf der Agenda stehen. Der obligatorische Rausschmeißer macht seinem Namen einmal mehr alle Ehre, und wird von gewaltigen Feuerwänden begleitet, die man womöglich auch im letzten Winkel des Zeltplatzes noch leuchten sehen kann. Spiel, Satz und Sieg – ein einziger Triumphzug. Ich sag nur ein Wort: Headliner!



Bei ASP schneit es sogar im Hochsommer...

 

Der heißt heute offiziell WITHIN TEMPTATION, und obwohl die Niederländer einen Sahnetag erwischen und im Vergleich zur verbockten „First Challenge“-Show vom Vortag nicht wieder zu erkennen sind, haben sie im Prinzip schon vor dem ersten Ton keine Chance mehr, heute den Tagessieg einzufahren. Was nicht heißt, dass Sharon den Adel und Co. heute nicht in bestechender Form sind. Als hätte es die mehrjährige Livepause (klammert man die Theatertouren mal aus) nicht gegeben, serviert man dem M´era Luna-Publikum ein - wenn auch überraschungsfreies - Best-of Set, das sich gewaschen hat. Auch wenn – wie schon seit Ewigkeiten – die garstige Frühphase komplett außen vor bleibt, können die Standards wie „Stand my Ground“, „Our Solemn Hour“ und „The Howling“ durchweg überzeugen. Bemerkenswert gut fügt sich zudem das Material vom neuen Album „The Unforgiving“ ein, wobei vor allem „In the Middle of the Night“, „Faster“ und „Iron“ ordentlich einschlagen. Der Rest ist Schaulaufen auf höchstem Niveau, der Gesang nimmt jede Hürde und Gitarrist Ruud Jolie zockt sämtlich Soli fehlerfrei und oderlässig runter. Wundersamerweise macht sich bis zum finalen Paukenschlag „Ice Queen“ keine wirkliche Ausdünnung der Reihen bemerkbar, obwohl nach ASP doch scheinbar eine kleine Völkerwanderung gen Zeltplatz zu beobachten war.

 

Wer will kann jetzt noch im Disco-Hangar bis in die Morgenstunden abzappeln oder sich auf den überraschend ruhigen, gesitteten Zeltplatz verabschieden. Die Selbstinszenierung vieler Besucher auf dem Gelände muss man übrigens mögen, sonst läuft man Gefahr, dass einem vom ständigen Kopfschütteln noch ganz schwindelig wird. Kleiner Tipp (man denke sich ein Augenzwinkern): Nicht jeder kann alles tragen. Am besten konzentriert man sich aber sowieso auf das musikalische Programm, das in Reichhaltigkeit und Qualität heute klar zu überzeugen wusste. Goth-Puristen und Headbanger kommen zumindest am ersten von zwei Festivaltagen gleichermaßen auf ihre Kosten, so soll es sein.

 

Markus Rutten – www.sounds2move.de

 

 

Link: www.meraluna.de

 

 

 

Setlist Within Temptation:

 

Our Solemn Hour

Faster

Angels

In the Middle of the Night

Stand my Ground

Fire and Ice

The Howling

What have you done

Iron

Shot in the Dark

Sinéad

Mother Earth

--

Deceiver of Fools

Ice Queen

 

 

 

Setlist ASP:

 

Sanctus

Schwarzes Blut

Kokon

Wechselbalg

Und wir tanzten (ungeschickter Liebesbrief)

Sing Child

Schwarzer Schmetterling

Denn ich bin der Meister

Temple of Love (Sisters of Mercy-Cover)

Ich bin ein wahrer Satan

Werben

Biotopia

Ich will brennen

 

 

Setlist Apocalyptica:

 

2010

Master of Puppets

Grace

I’m not Jesus

Bring them to Light

Nothing Else Matters

Last Hope

Seek & Destroy

Inquisition Symphony

I don’t care

In the Hall of the Mountain King