Totenmond „Der letzte Mond vor dem Beil“ / VÖ 19.08.2016



Mehr als acht Jahre musste man auf ein neues Lebenszeichen aus dem Hause Totenmond warten. Legt man nun das neue Album „Der letzte Mond vor dem Beil“ in den Player, passiert erst mal nicht viel. Vogelgezwitscher, das langsam in Regengeräusche übergeht, ein Bass gesellt sich sporadisch hinzu, dann gewittert es und die Gitarre sägt ein paar rostige Riffs. Nach viereinhalb Minuten setzt Pazzers Flüsterstimme ein und als zwei weitere Minuten später der Song mit Schlagzeug und Hassgesang richtig Fahrt aufnimmt, ist er auch schon vorbei. Gut, schleppende Songeinführungen waren schon seit dem legendären „Lichtbringer“-Album vor 20 Jahren ein wichtiges Trademark der Schwaben, aber dieser siebeneinhalbminütige Opener mit dem auch nicht so leicht von der Zunge gehenden Titel „Die Entheiligung des blasphemischen Josef und der ewige Regen“ treibt das Ganze nun auf die Spitze und wirkt gerade zu Beginn eines Albums doch etwas sperrig. Aber es den Leuten recht machen stand sowieso noch nie besonders weit oben auf der Agenda des Brachialtrios.

Die eingeschweißten Fans (von denen es doch ein paar geben muss, schließlich erreichte „Der letzte Mond...“ die Top 50 der Alben-Charts) kommen in der Folge dann voll auf ihre Kosten. „Hölle mit Hof“ ist ein urtypischer, schneller Totenmond-Song mit religionskritischer Message. Pazzers Texte beschreiten dabei erneut den schmalen Grat zwischen pikanter Poesie und plakativer Provokation (ich sag nur „Gott ist eine Hure, die jeder ficken darf“). Auch der folgende Stampfer „Blut auf krank“ bietet keinen Grund zur Klage. Der Song basiert auf einem prägnanten Beat, bei dem man einfach mitgehen muss. Leider schwächelt das siebte Totenmond Album (die Cover-Platte „Auf dem Mond ein Feuer“ rechne ich mal nicht mit) in der Folge ein wenig. „Kehrwoche“ klingt einfach zu durchschnittlich und zu beliebig, „Tötet den König“ und „Zu den Waffen“ bieten zwar solide Totenmond-Kost, aber nichts, was man von der Band nicht schon einmal (besser) gehört hätte. „Fort von Gott“ präsentiert gegen Ende hin zumindest etwas Dynamik, und „Giftköder“ ist nicht nur die obligatorische Doomwalze des Albums, sondern kann auch textlich Akzente setzen („Wo braune Geister schleichen, kann töten keine Sünde sein“). Sehr skurril dagegen finde ich die Deep Purple Cover-Version „Into the Fire“. Keine Ahnung, ob Pazzer bewusst die Intonation so setzt, wie er sie setzt, aber mein Englischlehrer würde ob dieser Aussprache wohl die Hände über dem Kopf zusammen schlagen. „Die Salbung“ ist dann ein Orgel-Outro, begleitet von offenbar rückwärts gesprochenen oder gebrüllten Texten, die um den Kreis zu schließen in Vogelgezwitscher, Regen und Gewitter enden.

Ehrlich gesagt, habe ich nach acht Jahren Pause etwas mehr erwartet als diese nun vorliegenden 40 Minuten. Nicht unbedingt quantitativ, aber ein paar mehr Songs mit Wiedererkennungswert hätten es schon sein dürfen. Vor allem sind meiner Meinung nach die Härte und das Tempo etwas auf der Strecke geblieben (vor allem wenn man sich selbst offenbar gerne das Label „Crust“ anheftet). Von einer Enttäuschung zu sprechen, ginge aber zu weit. Der Sound klingt amtlich, und der geneigte Totenmod-Fan kommt sicherlich auf seine Kosten. An die beiden Vorgänger kommt „Der letzte Mond...“ aber nicht heran. Von den Klassikern „Lichtbringer“ und „Reich in Rost“ ganz zu schweigen.

Alexander Dontscheff - www.sounds2move.de