The Rolling Stones „Havana Moon“ / VÖ 11.11.2016



„Es war verdammt noch mal Zeit!“, sagt einer der Musiker im Vorlauf dieses Konzertfilms, und er hat recht. Im März dieses Jahres, nur Tage nach dem ersten Besuch eines US-Präsidenten seit 88 Jahren war es an einer der größten Bands aller Zeiten als erste ausländische Rockband auf der Karibikinsel ein Konzert zu geben. Hierfür ließ sich auch eine sich live mittlerweile rar machende Legende nicht lange bitten und legte kurzerhand das Finale ihrer Südamerikatour nach Havanna, nichts ahnend was sie dort womöglich erwarten würde.

Die Rahmenbedingungen klingen aus europäischer Sicht bereits ein bisschen abenteuerlich: Einerseits war das Konzert im Ciudad Deportiva Stadium kostenlos, es gab also keinerlei Begrenzung in Sachen Zuschauerzahlen. In ein entsprechend monumentales Menschenmeer (solche Massen zieht normalerweise höchsten ein Papstbesuch an) durfte man dann auch von der Bühne aus blicken. Am Ende wird es Schätzungen zu Folge wohl eine knappe Million Menschen gewesen sein, die sich in der kubanischen Hauptstadt dieses geschichtsträchtige Ereignis nicht entgehen lassen wollten. Und jetzt kommt die Stelle, wo europäischen Veranstaltern der Angstschweiß in Strömen fließen dürfte: Nicht nur, dass der Einlass ohne Kontrolle vonstattenging, es gab abgesehen von der Absperrung direkt vor der Bühne keinerlei Wellenbrecher, keine Verkaufsstände für Getränke oder Snacks, auch kein Merchandise, natürlich keine Sitzplätze und nur eine Handvoll rostiger, mobiler Toiletten, die einfach auf bereits vorhandene Gullis gestellt wurden. Dafür aber Hunderttausende frenetische Fans, zu großen Teilen nicht mal im Besitz einer CD oder LP der Hauptband, aber dafür mit unbändiger Begeisterung, Lebensfreude und Rührung in den Augen, weil sie diesem historischen Abend beiwohnen durften. Manche Besucher sieht man gar dem Herrgott danken, während auf der Bühne die Stones angeführt vom seine Ansagen in fließendem Spanisch machenden Mick Jagger ein amtliches Greatest-Hits-Set abreißen. „Sympathy for the Devil“, „Paint it Black“, „Jumpin’ Jack Flash“ und „You can’t always get what you want“ kennt schließlich auch in einem viele Jahr vom Rest der Welt weitestgehend abgeschotteten Land (fast) jedes Kind. Natürlich lassen sich die - darf man das sagen, ohne dass es despektierlich klingt? - Fossile des Rock bei ihrer Show von einer mehrköpfigen Begleitband unterstützen, aber das ist absolut legitim, immerhin haben die Zuhörer den bestmöglichen Sound verdient, sonst hätte man sich die beachtliche Bühnenproduktion auch gleich sparen können. Doch so wird diese Veranstaltung für Zuschauer und Musiker zu einer bleibenden Erinnerung, und das nicht erst wenn zu „(I can’t get no) Satisfaction“ sogar die Polizisten im Bühnengraben breit lächelnd im Takt grooven. Eingefangen wurde diese Show übrigens von Regisseur Paul Dugdale, der auch schon für Adele und Coldplay gearbeitet hat. Man wollte bei diesem Anlass scheinbar nichts dem Zufall überlassen, was ohne Zweifel gelungen ist. Nicht nur für Fans der Band absolut sehenswert.

Markus Rutten - www.sounds2move.de