Queen „On Air - The Complete BBC Sessions“ / VÖ 04.11.2016



Wenn man Queen eines nicht vorwerfen kann, dann ist es wie eine Glucke auf dem eigenen Archiv zu hocken. Dafür hat die britische Rock-Legende gerade in den letzten Jahren einfach zu viel Material auf den Markt gebracht. Sicherlich ist es das gute Recht eines jeden Fans das gut zu finden oder auch zu kritisieren. Was man aber festhalten muss ist, dass man den Herren May, Taylor und Deacon kaum vorwerfen kann, dabei nicht auch eine gewisse Qualität vorauszusetzen, denn wenn schon etwas heraus gekramt und mit dem zugkräftigen Queen-Siegel versehen wird, dann sollte es auch einen Mehrwert für die Fans haben.

O.K., die „Alles-Sammler“ waren von den „Deep Cuts“ Compilations jetzt nicht vollends überzeugt, fand sich auf selbigen doch eine Art Best of aus der zweiten Reihe, sprich Songs, die ebenfalls wichtig für Queen waren, denen aber nie die Aufmerksamkeit massentauglicher Evergreens wie „We are the Champions“, „Radio Ga Ga“ oder „Another one bites the Dust“ zuteil wurde. Da ist „On Air“ schon von einem anderen Schlag, denn hierfür öffnete die geschichtsträchtige BBC ihre Archive und gab den Blick frei auf einige Aufnahmen, die zwischen 1973 und 1977 für den britischen Broadcaster eingespielt wurden. Insgesamt enthält diese Zusammenstellung Material von sechs unterschiedlichen Sessions, wobei etwa „Keep yourself alive“ in doppelter Ausführung enthalten ist. Im Falle solcher Doubletten wird es besonders dann interessant, wenn Queen improvisieren oder einen bekannten Song in ein neues Gewand hüllen. Bestes Beispiel ist das tot genudelte „We will rock you“, das nicht nur in einer altbekannten Fassung zu hören ist (schnarch), sondern auch in einer alternativen Hardrock-Version, die ordentlich treibt und dem Ganzen eine interessante neue Perspektive verleiht. Nicht weniger spannend ist die Neuinterpretation von „Spread your Wings“, die aus dem ursprünglichen Balladen-Muster ausbricht und sich zu einer satten Rock ´n´ Roll-Nummer aufschaukelt und damit den Charakter des Songs komplett auf den Kopf stellt. Genau in diesen Momenten bekommt „On Air - The Complete BBC Sessions“ seine Daseinsberechtigung, nämlich wenn das Quartett nicht eben einfach nur seine eigenen Songs nachspielt, sondern sein ganzes musikalisches Können in die Waagschale wirft und die Lieder mal durch einen spontanen Jam uminterpretiert oder eben einen gänzlich neuen Ansatz sucht. Dabei übertreibt man es hin und wieder zwar ein bisschen (nachzuhören beim konfusen Finale von „It’s late“), aber selbst das nutzt noch dazu, zu unterstreichen, wie wenig kategorisierbar Queen über ihre komplette Karriere hinweg geblieben sind. Rock, Prog, Jazz, Swing, Punk, Pop, Bombast - das nennt man kreative Freiheit. Klanglich hat man angesichts des Alters der Aufnahmen direkt noch mal ein neues Mastering spendiert, das angenehm unaufdringlich geraten ist und dem Material gut tut, selbst wenn ein paar klangliche Unzulänglichkeiten der damaligen Zeit dieser Aufhübschung getrotzt haben.

Als Fan kommt man hier also durchaus auf seine Kosten, nicht nur wegen gelungener Versionen von „Liar“ und „Stone cold crazy“. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum man diese Songs nicht beispielsweise im Rahmen der Re-Releases der ersten Alben schon 2011 zu deren Bonusmaterial hinzugefügt hat.

Markus Rutten - www.sounds2move.de