Queen „Days of our Lives“  (DVD) / VÖ 25.11.2011

 

 

 

In diesem Jahr, dem vierzigsten ihres Bestehens, waren Queen außerordentlich großzügig zu uns. Kurz vor der Grenze zur Übersättigung haben die Nachlassverwalter Brian May und Roger Taylor dann aber noch mal ein absolutes Highlight für uns parat, nämlich die längst überfällige Dokumentation „Days of our Lives“.

 

Diese war ursprünglich als Zweiteiler für eine Fernsehausstrahlung geplant, findet sich jetzt aber in voller Pracht auf DVD und Blu-ray wieder. Um einige teils sehr rare Videos erweitert, erwarten den Fan hier über zwei Stunden Queen als Rockgeschichte zum Miterleben. Interviews von damals bis heute geben sich mit Live-Aufnahmen, Fernsehberichten und lang verschollenem Archivmaterial aus dem bandeigenen Fundus die Klinke in die Hand. Durch die chronologische Anordnung bleibt der rote Faden dabei stets erhalten. Was „Days of our Lives“ so interessant macht, sind vor allem die Zeitzeugenberichte und Anekdoten von May, Taylor und diversen Weggefährten und Freunden. Wir erfahren, dass Freddie Mercury in den Anfangstagen den kreativen Prozess teilweise komplett auf Eis gelegt hatte, aus Unzufriedenheit über den Knebelvertrag in dem man sich befand (May: „Der größte Fehler, den wir je gemacht haben“) und der den Musikern trotz steigender Verkaufszahlen keine müde Mark einbrachte. Das Ganze ging so weit, dass Roger Taylor angewiesen wurde, weniger energisch zu trommeln, weil kein Geld für neue Sticks verfügbar wäre. „Als sich einer aus unserem Management einen Bentley zulegte, wurden wir langsam misstrauisch“, nimmt man die eigene Naivität mittlerweile mit Humor. Der spätere Manager John Reid verrät unterdessen, dass Mercury ihm seine Homosexualität noch vor seinen Bandkollegen beichtete, und wir bekommen glaubhaft versichert, dass der Sänger „Crazy little Thing called Love“ während des dazugehörigen Studioaufenthaltes binnen 10 Minuten auf dem stillen Örtchen komponierte.

 

Stichwort Freddie: Die vorliegende Dokumentation zeichnet noch einmal interessant den Werdegang eines der besten Sänger aller Zeiten nach und wirft zugleich die Frage auf, wie aus dem Jungen aus einer indischen Kolonie mit dem für sein Alter viel zu großen Gebiss einer der charismatischsten Frontmänner der Rockgeschichte werden konnte, der noch darüber hinaus in unzähligen hautengen Kostümen und anderen gewagten Outfits weitaus mehr zeigte, als es den meisten anderen in seiner Situation lieb gewesen wäre. Zu gerne hätte man außerdem den kleinen Sticheleien zwischen Mercury und Punk-Prolet Sid Vicious beigewohnt, als man sich seinerzeit einen Studiokomplex teilte und dabei zwangsläufig aufeinander stieß. Ob der Sex Pistols-Bassist wohl damit gerechnet hatte von seinem das Ballet liebenden Gegenüber derartig verbales Kontra zu bekommen? Doch auch Brian May und Roger Taylor schließt der Zuschauer während „Days of our Lives“ schnell ins Herz: Während May ganz Gentleman mit Wortgewandtheit und feinem Humor erzählt, entpuppt sich Taylor als zuweilen impulsiver, beinahe kumpelhafter Zeitgenosse, dem auch schon mal der eine oder andere Fluch über die Lippen kommt. Tränen fließen dennoch bei beiden, sei es beim emotionalen finalen Kapitel des Films über Mercurys letzte Monate und dessen Ableben, oder noch einmal durchlebte ganz persönliche Momente. Wie im Falle von Brian May, der seinen von Natur aus skeptischen Vater einst zu einer ausverkauften Show in den New Yorker Madison Square Garden hatte einfliegen lassen, um ihm zu zeigen, dass aus seinem Sohn doch etwas Richtiges geworden war. Dass der Herr Papa seinem lockigen Filius nach dem Konzert mit knappen Worten seinen Segen und seine ehrliche Anerkennung überbrachte, rührt den mittlerweile 64-jährigen noch heute zu Tränen. Als Zuseher möchte man vor dem Bildschirm vor allem zum Schluss hin am liebsten mitheulen, wenn Zeitzeugen berichten wie Freddie Mercury ohne auch nur ein einziges mal zu jammern oder sich selbst zu bemitleiden in Montreux trotz seines nahenden Todes noch im Studio arbeitet und, obwohl er teilweise sogar zu schwach ist, um überhaupt stehen zu können, dabei noch unter anderem „The Show must go on“ und „These are the Days of our Lives“ in einer überirdischen Art und Weise intoniert. Sogar die Dreharbeiten für das Video zu „I’m going slightly mad“ brachte der Sänger noch persönlich über die Bühne, sehr wohl in dem Wissen, dass seine Aids-Erkrankung seinen Körper bereits deutlich sichtbar ausgezehrt hatte.

 

Mit ein paar Minuten über das letzte, posthum veröffentlichte Studioalbum „Made in Heaven“ und beeindruckenden Bildern vom Tribute Konzert im – natürlich – Londoner Wembley Stadion (May: „Die Frage nach dem wo stellte sich erst gar nicht, es konnte nur dort sein wo Freddie seine größten Triumphe feierte“) beschließt „Days of our Lives“. Allein die Gästeliste für besagtes Wohltätigkeitskonzert zu Ehren des Sängers und zu Gunsten der Aids-Forschung deutet zumindest an welchen Stellenwert Mercury hatte und heute noch hat: Elton John, David Bowie, Robert Plant, Georg Michael, Axl Rose, James Hetfield – um nur ein paar zu nennen. Verfolgt haben das Spektakel seinerzeit 1,2 Milliarden Menschen vor den Fernsehschirmen (!) und es konnten dabei 20 Millionen Pfund (!!) für den guten Zweck generiert werden, was bis heute Weltrekord für ein Rockkonzert dieser Art ist. Wegen all seiner kleinen und großen Augenblicke ist diese DVD Pflichtprogramm für jeden geschichts- und geschmacksbewussten Rocker, egal ob Fan oder nicht. Bleibt zu hoffen, dass das für 2012 angekündigte Biopic (als Namen kursieren derzeit hartnäckig „A Kind of Magic“ und „Mercury“) über Freddie Mercury mit Sacha Baron Cohen in der Hauptrolle ein ähnliches Niveau an den Tag legen kann.

 

Markus Rutten – www.sounds2move.de