Mötley Crüe „The End - Live in Los Angeles“ (Blu-Ray / DVD) / VÖ 04.11.2016



Wenn Mötley Crüe für eines sicher nie bekannt waren, dann für Understatement, Zurückhaltung und Langeweile. Zum Abschied der Hair Metal-Legende durfte es am Silvesterabend des vergangenen Jahres dann natürlich standesgemäß ein bisschen mehr sein, immerhin hatte man einen Ruf zu verlieren. Natürlich sind die Helden inzwischen teilweise etwas aufgedunsen (Vince Neil), und auch 35 Jahre Sex, Drugs and Rock ´n´ Roll sind optisch nicht spurlos an allen vorbei gegangen (Nikki Sixx), aber das muss man solchen Szene-Dinos selbstverständlich zugestehen. Einzig Tommy Lee scheint immer noch drahtig wie eh und je, dafür muss sich Gitarrist Mick Mars seit Beginn seiner Karriere mit einer chronischen Wirbelsäulenerkrankung herumschlagen, die ihm gerade in den letzten fünf bis zehn Jahren ordentlich zugesetzt hat, was besonders bei Konzerten kaum zu übersehen ist.

Bühne frei also für „The End“, das Grande Finale der „All bad Things must come to an End“ Abschiedstour, die das Quartett mit einem Heimspiel in Los Angeles ausklingen ließ. Aus diversen Gründen war es da natürlich naheliegend, eine große Arena wie das Staples Center (u.a. Heimat der Lakers) in Downtown L.A. als Ort des Geschehens auszuwählen. Einer der Gründe ist die Bühnenproduktion, die mit opulent zu beschreiben hemmungslos untertrieben wäre. Metall, Traversen, Hydraulik, Scheinwerfer und Feuer an allen Ecken und Enden, da liegt mächtiges Industrial-Flair in der Luft, das hinten raus allerdings von tausenden Luftballons und später noch deutlich mehr Papierschnipseln (jeweils in rot-weiß gehalten) konterkariert wird. Da das den Mötley-Jungs natürlich noch nicht reicht, darf Schlagzeuger Tommy Lee eine seiner beinahe legendären Fahrten mit seiner Drum-Achterbahn unternehmen, die ihn von der Bühne mitten in den Zuschauerraum befördert. Währenddessen darf sich auch Bassist Nikki Sixx nicht nur mit einem schicken Custom Bass zur Show in Posen werfen, sondern auch mit einem anderen Instrument sprichwörtlich mit dem Feuer spielen. Der Tieftöner hat sich nämlich mal eben einen oberamtlichen Flammenwerfer (!) an sein Instrument montieren lassen, dessen Flammen locker um die fünf Meter Reichweite haben. Ob die Jungs von Rammstein schon nachgefragt haben, ob sie dieses Männerspielzeug aus dem Nachlass der Glam-Rentner Crüe übernehmen können?

Apropos alt: Trotz seines tief ins Gesicht gezogenen Zylinders sieht Mick Mars ziemlich fahl aus und stakst über die Bühne wie der berühmte Storch durch den Salat. Zeitweise wird der Gitarrist auf längeren Wegen sogar von einem Security-Mann gestützt, etwa auf dem Weg von der Hauptbühne zu der kleinen Empore in der Mitte des Publikums, von der aus Mötley Crüe ihren Schwanengesang „Home Sweet Home“ direkt unter die Haut der Zuschauer jagen. Handwerklich macht dem Mann allerdings niemand etwas vor, an seiner Sechssaitigen sitzt auch jenseits der 60 noch jedes Riff und jeder Kunstgriff. Man würde sich bisweilen wünschen, dass auch die Töne bei Frontmann Vince Neil noch so sitzen würden, doch dessen Qualitätsverlust am Mikrofon wird unter Fans schon seit Jahren diskutiert. So lässt sich die Sunset-Ikone schon mal von seinen Kollegen oder den Tänzerinnen im Hintergrund stimmlich unter die Arme greifen, während mancher Ton nur noch kehlig herausgebellt wird. Nicht nur stimmlich kommt er dabei verdächtig nah an den „German Tank“ Udo Dirkschneider heran, auch von der Statur her sehen sich die beiden Sänger mittlerweile durchaus ähnlich. Das rappelvolle Staples Center lässt allerdings gern Fünfe gerade sein, und man hat sich zur Feier des Tages allenthalben sogar ordentlich aufgebrezelt. Das sieht bei manchen erfahrenen Whiskey-A-Go-Go-Gängern aus alten Zeiten durchaus authentisch aus, manche - vor allem jüngere - Fans wirken hingegen so, als würden sie in schlechten Karnevalskostümen stecken oder geradewegs von einer Steel Panther-Show kommen. Dazwischen mischen sich zwei Generationen Groupies, die johlen und posieren was das Zeug hält. Trotzdem könnte das Publikum insgesamt noch aktiver und ausgelassener sein, was allerdings beides keine ausgewiesenen Kernkompetenzen US-amerikanischen Mainstream Rock-Publikums sind. Die schiere Größe der Arena liefert dennoch den passenden Rahmen für diese Abschiedsshow, bei der Mötley Crüe noch einmal alles zeigen, was sie haben und welche Maßstäbe man über die Jahre gesetzt hat. Dazu gibt es, natürlich auch nicht ganz unwichtig, eine Greatest Hits-Setlist, über die man nicht wirklich viele Worte verlieren muss, da eh jedes Kind „Dr. Feelgood“, „Smoking in the Boys Room“, „Girls Girls Girls“, „Shout at the Devil“ und „Kickstart my Heart“ kennt.

Wenn sich die „Saints of Los Angeles“ am Ende stilsicher zu „My Way“ von Frank Sinatra verabschieden und sowohl vor als auch auf der Bühne das eine oder andere Tränchen verdrückt wird, setzt langsam die Erkenntnis ein, dass man Mötley Crüe zwar nicht auf ihrem kreativen oder körperlichen Zenit, aber doch in einer nach wie vor relevanten Verfassung zu sehen bekommen hat. Denn diese vier einstigen Rotzlöffel haben ihren Fußabdruck in der Geschichte des Rock ´n´ Roll vollkommen zu Recht hinterlassen. Vor allem aber haben sie geschafft, was manch anderem verwehrt geblieben ist: Sie sind aus freien Stücken und in Würde abgetreten.

Markus Rutten - www.sounds2move.de