Hotei „Strangers“ / VÖ 08.07.2016



Vor allem den Fans in Asien ist der Gitarrist Tomoyasu Hotei ein Begriff, hierzulande gehört er eher zu den Insider-Helden. Um auch in unseren Breitengraden einen Fuß in die Tür zu bekommen, hat sich der Japaner für seine neue Platte mannigfaltige Unterstützung ins Boot geholt. Der Titel „Strangers“ ist dabei fast schon ein bisschen unglücklich gewählt bzw. wäre der Singular die sinnvollere Alternative gewesen. Denn den meisten potentiellen Hörern sind die Gäste (u.a. Iggy Pop und Matt Tuck von Bullet for my Valentine) deutlich geläufiger als der Gastgeber.

Doch der hat keinerlei Ambitionen, seinen Co-Stars nicht ihren Platz im Rampenlicht zuzugestehen. Natürlich ist „Strangers“ sein Album, aber die Gaststimmen bekommen auf den jeweiligen Songs durchaus ihren Freiraum um zu glänzen, zudem wurde vielen Gästen ihr Song maßgeschneidert auf den Leib geschrieben. Da ist es nur naheliegend, dass Richard Z. Kruspe (Rammstein) für „Move it“ verpflichtet wurde, das eine unüberhörbare Industrial-Note verpasst bekommen hat. Hotei selbst bringt mit seiner Gitarre zwar eher eine leichte Blues-Note in das Stück ein, die eigenwillige Kombination funktioniert aber doch irgendwie. „How the Cookie crumbles“ (mit Iggy Pop) ist eher in geistiger Nachbarschaft der Rolling Stones anzusiedeln, was nicht unpassend für einen Haudegen von dessen Kaliber ist. Richtig stark präsentiert sich die eher unbekannte texanische Sängerin Shea Seger bei „Kill or Kiss“, das einen gewissen ZZ Top-Einfluss nicht von der Hand weisen kann, und dem überaus passend betitelten „Texas Groove“, bei dem sie stimmlich ein ziemliches Reibeisen auspackt. Mit Seger hat Hotei übrigens gemeinsam, dass sowohl der Japaner als auch die US-Amerikanerin nach England ausgewandert sind und beide seitdem London zu ihrem Lebensmittelpunkt auserkoren haben, wobei zumindest Hotei regelmäßig zwischen der englischen Hauptstadt und seiner Heimat hin und her pendelt. Von England ist es nur noch ein Katzensprung nach Wales, dem Heimatland eines weiteren Gastes: Matt Tuck von Bullet for my Valentine. Zu hören auf „Kill to love you“ mit seiner ansteigenden Dramaturgie und einer spät hinzukommenden bombastischen Note, das von Tuck komplett klar gesungen wird. Besonders gelungen ist dabei der Chorus, wenngleich die Nummer insgesamt doch ungewohnt für den Metalcore-Frontmann klingt. Die Songs, die ohne Gesang daher kommen, sind glücklicherweise meilenweit davon entfernt, in Skalengefrickel und Selbstdarstellung auszuarten, stattdessen rifft, zupft und shreddert Hotei stets im Sinne des Songs, was etwa beim Soundtrack-mäßigen Titeltrack überzeugt. Was „Strangers“ über die komplette Spielzeit hingegen fehlt, ist der finale, endgültige Kick, der aus einem angenehmen eine mitreißendes Album macht. Genau hier liegt nämlich der Hase im Pfeffer: Nahezu alles auf diesem Album ist eigentlich gut gemacht und es gibt keine Ausreißer nach unten, was natürlich positiv ist. Problematisch ist hingegen, dass es auch keine alles überragenden Höhepunkt gibt. Was nicht heißen soll, dass der „Samurai der Gitarre“, wie Hotei in der Heimat ehrfurchtsvoll genannt wird, kein guter Komponist und Songschreiber wäre. Es fehlen ein oder zwei echte Ausrufezeichen, um den Hörer so richtig mitzunehmen. Vielleicht liegt es aber auch einfach an den westlichen Hörgewohnheiten, denn natürlich spielt der Gitarrist für hiesige Hörgewohnheiten einen bisweilen exotischen und damit auch interessanten Stil. Die (unlogische) Ironie: Ein paar mehr Ecken hätten „Strangers“ erst so richtig rund gemacht.

Markus Rutten - www.sounds2move.de