Interview mit Chris Laut von OHRENFEINDT

Mit „Schwarz Auf Weiss“ geht bereits euer 4. Studioalbum an den Start. Mit eurer selbst kreierten Musikrichtung des Vollgasrock seid ihr quasi konkurrenzlos unterwegs. Auch wenn ihr die Frage mit Sicherheit bei so ziemlich jedem Interview gestellt bekommt, was kann man sich unter „Vollgasrock“ vorstellen?
Vollgasrock bezieht sich auf eine Lebenseinstellung: Tu alles, was du tust, mit Vollgas, mach keine halben Sachen, mach keine Gefangenen. Wenn du an etwas glaubst, gib alles, um es wahr zu machen, und geh dahin, wo es weh tut. Gib Vollgas! Wir haben lange gebraucht, um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind, und der Weg war durchaus steinig, aber wir haben immer dran geglaubt und nie aufgegeben – Vollgasrock eben!
Um ehrlich zu sein, habt ihr euch einen recht ausgefallen Bandnamen ausgesucht. Warum „Ohrenfeindt“? Eure Musik würde ich alles andere als feindlich für die Ohren bezeichnen. Gibt es da eventuell etwas mehr zu erzählen, warum und wieso es zu der Namensauswahl kam?
Vor geraumer Zeit erst habt ihr die Tour als Support von In Extremo im Rahmen ihrer Sterneneisen-Tour 2011 abgeschlossen. Ich selbst durfte in den Genuss kommen und eure unglaubliche Live-Power beim Konzert in Berlin begutachten. Wie sieht euer persönliches Resümee dieser Tour aus? Gab es besondere Highlights, vielleicht sogar auch Enttäuschungen oder Niederlagen?
Die ganze Tour war ein Highlight! Vornweg die Tatsache, dass In Extremo uns eingeladen haben, dann die großartige In Extremo-Crew, die uns mit offenen Armen aufgenommen und unterstützt hat, wo es nur ging und schließlich das tolle Publikum, das uns gefeiert hat und uns in keiner Sekunde das Gefühl gegeben hat, nur der doofe Support zu sein. Für all das an dieser Stelle nochmals besten Dank! Wir hatten so einen Riesenspaß, und der einzige negative Aspekt war, dass es viel zu schnell vorbei war.
Apropos „In Extremo“: Sowohl auf der aktuellen Scheibe als auch auf der Single zu „Sie hat ihr Herz an St. Pauli verloren“ befindet sich eine Kollaboration mit dem Namen „Wenn die Sonne untergeht“ mit Frontmann Michael Robert Rhein (alias Das Letzte Einhorn) von In Extremo. Wie genau kam es zu dieser Zusammenarbeit?
In Extremo und wir sind uns in der jüngeren Vergangenheit immer wieder mal auf Festivals über den Weg gelaufen, und da war gleich eine sehr angenehme Chemie. Ich habe Michael dann irgendwann einmal auf dem Kiez getroffen und ihm erzählt, dass ich einen Song geschrieben habe, bei dem ich im Kopf seine Stimme höre und ihn gefragt, ob er Bock hätte, das im Studio zu singen. Ich habe ihm das Ding auf der Akustik-Gitarre vorgespielt und er hat sofort zugesagt. Er ist später extra zu uns nach Hamburg ins Studio gekommen, und das großartige Ergebnis hast du ja schon gehört. Da kann ich nur den Hut ziehen und mich tief verneigen.
| Generell die Frage: Wie sieht die Findungsphase eines Songs im Hause Ohrenfeindt aus? Wie kann man sich einen Tag im Studio zusammen mit euch vorstellen?
Das ist relativ simpel. Wenn ein Song fertig geschrieben ist, setzen wir uns mit Akustik-Gitarren zusammen und spielen den, bis er sitzt. Dann spielen wir ihn – oft beim Soundcheck – in voller Instrumentierung, um ihm den letzten Schliff zu geben. Und dann wird er live performt. Wenn wir ins Studio gehen, ist das alles fertig – Studiozeit ist einfach zu kostbar, um sie mit Proben zu verplempern. Wir arbeiten da ziemlich diszipliniert. Wenn das Rotlicht angeht, sind wir gern gut vorbereitet und auf den Punkt unterwegs. Das heißt nicht, dass der Spaß zu kurz kommt – aber das Ergebnis muss stimmen. Das sind wir unseren Hörern schuldig. Auf euren Singles befinden sich in aller Regel Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben. Scheinbar habt ihr ein ganzes Repertoire an unveröffentlichtem Bonusmaterial. Wird es bei der aktuellen Scheibe auch so sein, dass eingefleischte Ohrenfeindt-Fans dazu angehalten sein werden, die veröffentlichten Singles ebenfalls zu kaufen?
Bei "Schwarz auf Weiss" sind zwölf Songs auf der regulären Scheibe, auf dem Digi-Pack sind alle 14 Songs, die wir aufgenommen haben. Die Bonus-Songs sind "Willst Du rocken" und "Was der Doktor mir verschrieben hat". Letzteren Song findest du auch auf der Single, auf der exklusiv auch die "Wenn die Sonne untergeht"-Versionen sind, auf denen Michael gesungen hat. Wenn du die haben möchtest, kommst du an der Single nicht vorbei. | |
Innerhalb kurzer Zeit wurden 2008 bzw. 2009 Live-Auskopplungen mehrerer Konzerte veröffentlicht. Wird es solche Zapfenstreiche ähnlicher Natur erneut geben, oder war das für euch eine einmalige Angelegenheit?
Wenn du wüsstest, was das für ein Ritt war, würdest du verstehen, dass wir das so nicht wieder machen wollen. Das Dumme ist nur: Wir sind bekloppt genug, uns dadurch nicht davon abhalten zu lassen. Aber wie und wann wir so etwas mal wieder machen? Hmmm ... es bleibt spannend. ;-)
Gehen wir nun einmal zurück zu den Anfängen von Ohrenfeindt. Was kann darüber berichtet werden? Wie habt ihr die Zeit wahrgenommen?
OHRENFEINDT war relativ lange ein Hobby. Als sich nach einigen Jahren abzeichnete, dass da mehr geht, haben wir beschlossen, ernst zu machen. 2003 haben wir unser Debüt "Schmutzige Liebe" aufgenommen und veröffentlicht. Ab da haben wir mehr und mehr gespielt und etwa alle zwei Jahre ein Album gemacht. Das zweite Album "Rock 'n' Roll Sexgott" fand dann schon Beachtung bei dem Sender Rockantenne in Augsburg, der uns sehr unterstützt hat und das immer noch tut – scheun' Dank, Leute! Weiter ging es "Mit Vollgas & Blaulicht". Im Anschluss daran haben wir erst mal die oben erwähnte Doppel-Live-Scheibe "Auf die Ohren!!!" gemacht, die sich viele Fans gewünscht hatten. Und jetzt sind wir mit "Schwarz auf Weiss" am Start. Alles in allem war das ein ganz schön langer Weg, aber wir haben das eher als eine ganz flotte Reise wahrgenommen. Wenn es nach uns geht, geht es auf jeden Fall noch mindestens genauso lange weiter.
Nun steht erneut eine Tour quer durch Deutschland an. Wenn mich nicht alles täuscht, stehen da hauptsächlich kleinere Locations auf dem Plan. Was habt ihr euch dafür vorgenommen?
Da gibt es keine konkreten Pläne außer das zu tun, was wir immer tun: rausgehen und rocken, dass es kracht! Jemand, der dein Konzert besucht, schenkt dir neben Anerkennung und Liebe für das, was du tust, ja auch einen ganzen Tag seines Lebens. Er verbringt Zeit damit, rauszukriegen, wann du spielst, nimmt vielleicht den nächsten Tag frei, besorgt sich einen Babysitter für seine Kids, fährt zum Konzert und zurück und verbringt dort viele Stunden. Dazu kommt noch, dass er vorher viel Zeit damit verbracht hat, das Geld zu verdienen, dass er für Sprit, Tickets, Getränke und vielleicht ein Shirt und eine CD ausgibt. Wir finden, dass wir damit gut umzugehen haben. Das heißt, wir wollen unseren Gästen immer das beste OHRENFEINDT-Konzert geben, das uns zu diesem Zeitpunkt möglich ist. Und das nehmen wir sehr ernst!
Für jeden Künstler ist das erste Konzert etwas Besonderes. Könnt ihr euch noch an den Moment kurz vor eurer ersten Show erinnern? Wie lief das ab? Wie habt ihr euch damals auf dieses Ereignis vorbereitet?
Ich kann da nur für mich sprechen. Ich war ein Teenager und bin in eine Band eingestiegen, in der alle anderen schon vier, fünf Jahre älter waren. Die Jungs hatten einen Auftritt auf einem großen Umsonst & Draußen Festival klargemacht. Mir war nicht mal im Ansatz klar, was das bedeutete. Und ich war nicht im Geringsten darauf vorbereitet, was da kommt. Wir gingen raus, ich sah die Menschenmenge und machte auf dem Absatz kehrt. Die Jungs haben mich dann auf die Bühne geschoben, und es gab kein Zurück. Von da an war ich für einen Job in einer Bank versaut. Und Lampenfieber habe ich danach nie wieder gehabt.
| Wenn man euch
die Wahl lassen könnte, einen Song auszuwählen, der die Musik und das
Wesen von Ohrenfeindt zutreffend beschreibt, welcher wäre das?
Puuuh – frag mal eine Mutter von Drillingen, welchen von den Dreien sie am liebsten hat ... Letztlich empfinde ich das in jedem Moment anders. "Rock 'n' Roll Sexgott" steht für das Spiel mit Klischees, und dieses Spiel lieben wir. Wir transportieren das ja ganz gern mit einem Augenzwinkern. "Ohrenfeindt" beschreibt unsere Liebe zum Rocken und Touren. "Schmetterling" steht für unsere nachdenkliche Seite. Aber wenn du mir die Frage morgen noch mal stellst, nenne ich dir vermutlich ganz andere Songs ... Wenn man die Bandgeschichte von Ohrenfeindt verfilmen würde, wie sähe der passende Soundtrack dazu aus? Welche Künstler wären vertreten?
Oh, da gehören auf jeden Fall AC/DC dazu. Und Kiss. Und Rose Tattoo. Und Slash. Und Aerosmith. Und Deep Purple. Und Led Zeppelin. Und Stoppok. Und OHRENFEINDT. Und UFO. Und die Foo Fighters. Und Helge Schneider. Und Jane. Und Franz K. Und Hannes Bauer. Und ... ähm ... wie lang darf der Soundtrack denn werden? Nachdem nun schon einiges an Bühnen bespielt, CDs veröffentlicht und Erfolge verzeichnet wurden, folgt nun die obligatorische Interview-Frage: Wie geht es mit Ohrenfeindt weiter?
Am liebsten gut. Will sagen: reichlich Touren, regelmäßig schicke Roggenrohl-Alben, 40-Meter-Yachten, Ferraris, Porsches, Harleys, Villen, Privatjets, Super-Models, die uns anbeten, und Weltherrschaft. So als grobes Grundkonzept für die erste Zeit. |
Vanessa
Vogl –
www.sounds2move.de
Fotos: www.sackmann7.de/