Interview mit Bastian “BastiBasti” Sobtzick & Bernhard “Bernie” Horn von CALLEJON

 

 

 

Man kann durchaus davon sprechen, dass es für euch gerade ziemlich gut läuft. In Kürze spielt ihr einige Clubshows in den größten deutschen Städten, und die Konzerte sind allesamt schon im Voraus ausverkauft – wohlgemerkt ohne, dass „Blitzkreuz“ überhaupt draußen ist. Überrascht euch das noch oder seid ihr es mittlerweile gewohnt, dass ihr die Kids im Griff habt?

 

Bernie: Wir hatten für die Release Dates ganz bewusst kleine Clubs ausgewählt, weil wir wollten, dass das Ganze etwas Besonderes ist - für unsere Fans, aber natürlich auch für uns selbst. Wir haben uns schon gedacht, dass es nicht lange dauern würde, bis die Shows ausverkauft sind, aber dass innerhalb einer Woche alle Tickets weg sind, haben wir nicht erwartet - was dann natürlich umso geiler ist.

 

„Blitzkreuz“ erscheint erstmals nicht auf eurem bisherigen Label Nuclear Blast, sondern über den Major Sony Music. Warum habt ihr NB, die im Metal unbestritten zu den Big Playern gehören, den Rücken gekehrt, und wie sieht es um euren Status und eure Perspektive beim Großkonzern Sony aus?

 

Bernie: Als wir uns von Nuclear Blast getrennt haben, hatten wir noch gar kein neues Label in Aussicht. Es ist nicht so, dass NB schlechte Arbeit geleistet hätten, aber unsere Arbeitsweise und die Idee von Callejon waren nicht wirklich kompatibel mit denen von Nuclear Blast. Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass es für beide Parteien das Beste ist, getrennte Wege zu gehen. Dass Nuclear Blast dazu bereit waren, war ein feiner Zug - sie hätten uns auch einfach im Vertrag halten können. Insofern gibt es kein böses Blut. Der Schritt zu Sony kam dann erst einige Zeit später. Wir haben uns mit verschiedenen Labels unterhalten und sind letztendlich dahin gegangen, wo wir die meiste Handlungsfreiheit haben - auch wenn man das bei einem Major wie Sony eigentlich nicht erwarten würde.

 

Was mir bei dem Album schnell aufgefallen ist war, dass die Vocals auch bei den Grunts ziemlich gut verständlich sind. War das eines eurer Hauptziele, und wie wichtig ist es euch generell, dass eure Message auch verstanden wird?

 

Basti: Wir haben diesmal in der Produktion schon verstärkt auf Verständlichkeit geachtet. Grundsätzlich liegt es uns natürlich sehr am Herzen, dass die Texte auch ohne Booklet zu verstehen sind, denn nicht jeder Fan liest die Lyrics im Booklet mit, wenn er die Songs hört.

 

Außerdem ist „Blitzkreuz“ für meine Begriff sehr direkt und fokussiert ausgefallen, auch wenn es mal Spielereien wie die Anspielungen auf Rammstein gleich zu Beginn gibt. Im Grunde kommt ihr aber bei jedem Song schnell zum Punkt, ohne große Umschweife. Ist diese Direktheit für dich die große Stärke des Albums?

 

Bernie: Ich glaube auf jeden Fall, dass das ein Hauptmerkmal des Albums ist. Wir haben uns diesmal sehr konzentriert an das Songwriting gesetzt und darauf geachtet, nicht zu zerfahrene Songs zu schreiben. Trotzdem – oder gerade deshalb – haben wir auch den Details sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt.
 

K.I.Z. sind nicht erst seit eurer ersten Kooperation „Porn from Spain“ auch in (jüngeren) Metallerkreisen ziemlich beliebt, auch wenn manch einer das vielleicht nicht immer direkt zugeben würde, hehe. Was war für euch der Anreiz, noch einmal mit den Jungs gemeinsame Sache zu machen? Wobei ihr die Sache dieses mal doch deutlich weniger auf die Spitze treibt als noch auf „Zombieactionhauptquartier“.

 

Basti: Findest du wirklich? Ich muss sagen, ich finde das neue „Porn from Spain“ mindestens so scharfkantig wie das erste... jedenfalls hatten wir einfach Bock, noch mal eine solche Nummer zu machen und wollten die Zusammenarbeit diesmal auch unbedingt auf die kompletten K.I.Z. ausweiten. Also haben wir sie einfach gefragt, und sie fanden es cool. Mit Mille hatten wir auch schon länger Kontakt, und wir hatten uns schon öfter mit ihm darüber unterhalten, dass er ein Feature auf einem unserer Songs macht. Also haben wir uns gedacht, wenn schon eine Crossover-Nummer machen, dann mit K.I.Z. und Mille zusammen auf einem Track. Und weil wir noch ein Feature von jemandem wollten, den man eigentlich nicht auf unserem Album erwarten würde, hat unser Produzent, der auch schon mehrmals mit Madsen zusammengearbeitet hat, Sebastian vorgeschlagen. Auch das war sehr unkompliziert, wir haben ihn angerufen, ihm hat die Idee gefallen, dann haben wir ihm die Spuren geschickt, er hat in seinem Studio darüber geschrien, und fertig war der Song. Manchmal kann alles so einfach sein. Aber man muss dazu auch sagen, dass Sebastian, den wir als einzigen vorher nicht persönlich kannten, ein extrem netter und cooler Typ ist.

 

Ein anderes recht populäres Stück auf eurem Debüt war „Phantomschmerz“. Die neue Platte hat eine ähnlich emotionale Nummer in petto, nämlich den Rausschmeißer „Kind im Nebel“. Für mich geht das Stück als reiferer, ausgeklügelter Nachfahre von „Phantomschmerz“ durch, würdest du dieser Einschätzung zustimmen?

 

Basti: Ich glaube schon, dass man das so formulieren kann. „Phantomschmerz“ war unser erstes Herantasten an ruhigere, balladeske Klänge, und seit diesem Zeitpunkt hat sich bei uns songwriterisch sehr viel getan, das Verständnis für Songs und die Herangehensweise an ein solches Stück haben sich einfach stark weiterentwickelt. Und letztendlich sind wir als Typen natürlich auch ein Stück erwachsener geworden. Einen Text wie bei „Kind im Nebel“ hätten wir vor fünf Jahren nicht geschrieben.

 

In „Atlantis“ macht ihr den Fernseher zum Todesboten der Gesellschaft. Ist euch dieser Einfall bei solchen „Highlights“ wie „Familien im Brennpunkt“, „Frauentausch“ und „Berlin Tag und Nacht“ gekommen? Könnte ich zumindest nachvollziehen, der Tod jeden Niveaus ist es auf alle Fälle, hehe.

 

Bernie: Die Zahl der Sendungen, die in die Rubrik „unfassbar schlimm“ gehören, wird ja mit jedem Tag höher – ich weiß gar nicht auswendig, wie die Sachen alle heißen, es gibt ja alle paar Tage ein neues Format. Grundsätzlich ist das Fernsehen doch ein sehr vielversprechendes Medium, aber wenn man es nur mit Scheiße füllt, bleiben diese Möglichkeiten unausgeschöpft. Es gibt zwar immer noch einige intelligente oder wenigstens unterhaltsame Programme, aber wir haben immer mehr das Gefühl, dass Adorno heute mehr recht hatte als jemals zuvor: Die Kulturindustrie schlägt alles mit Gleichheit.

 

Was hat es eigentlich mit dem titelgebenden „Blitzkreuz“ auf sich? Ist das eure neue, coolere Version des Kruzifix, und ihr plant euren eigenen religiösen Kult ins Leben zu rufen? Haha!

 

Basti: Haha, manchmal habe ich das Gefühl, die Community unserer Fans hat schon kultähnliche Anwandlungen. Aber auch, wenn das Blitzkreuz das Element des Kreuzes als eines der kulturell am stärksten konnotierten Symbole aufgreift, hat es für uns eigentlich keine religiöse Bedeutung. Es ist in erster Linie unser Logo, und es transportiert eine Vielzahl an Bedeutungen.
 

Spinnen wir den Religionsfaden mal ganz hypothetisch weiter: Wie würde dein persönlicher Callejon-Kult aussehen und was wären die Leitfäden eurer Glaubensgemeinschaft?

 

Bernie: Meine persönliche Meinung ist die, dass institutionalisierte Religionen in der Regel eigentlich nur bestehende Machtstrukturen erhalten sollen. Jeder Mensch sollte an das glauben oder nicht glauben, was ihn glücklich macht und/oder eine spirituelle oder wie auch immer geartete Erfüllung bei ihm hervorruft, solange er Anderen damit nicht schadet.

 

Markus Rutten – www.sounds2move.de

 

 

Link: www.callejon.de  / Fotos: Leopold Nielsson