Interview mit Nienke de Jong von AUTUMN

 

 

Nienke, euer neues Album klingt deutlich anders als der Vorgänger „Summer’s End“. Wie wichtig war es euch dieses mal einen gewissen Abstand zum Sound der vorherigen Platte zu bekommen? Eher die von Musikern oft und gern zitierte „natürliche Entwicklung“ oder steckt vielleicht ein wenig mehr Absicht dahinter?

 

Es war uns nicht wichtig anders zu klingen, sondern vielmehr unseren Herzen als Musiker  und Künstler zu folgen. Am Ende ist dabei ein unheimlich persönliches Album entstanden, das trotzdem sehr direkt ist und nach vorn geht. Und ich glaube wirklich, dass es in unserem Fall eine natürliche Entwicklung war.

 

Vielen Hörern wird in meinen Augen schnell auffallen, dass „My new Time“ deutlich rockiger und wie du bereits sagtest direkter ausgefallen ist. Außerdem wurde mehr oder weniger offensichtlich die Härte etwas zurückgefahren. Siehst du das ähnlich?

 

Zumindest stimme ich dem ersten Teil deiner Aussage zu. Aber ich nehme den Rest als Kompliment wahr. Einen konkreten Plan hatten wir dabei jedenfalls nicht. Aber weißt du was mir für eine Spruch durch den Kopf geht, wenn ich bei mir zu Hause sitze und mir das Album anhöre? „I'm pretty pleased...to say the least!“, haha.

 

Die Stimmung des neuen Albums ist überwiegend positiv ausgefallen und definitiv deutlich freundlicher als es noch bei „Summer’s End“ der Fall war. Ihr habt ein paar Änderung im Line-Up hinter euch gebracht, ein neues Label gesucht etc., war es euch daher wichtig musikalisch eine positive Aufbruchstimmung zu vermitteln?

 

Naja, es gibt auch immer noch negative Aspekte auf dem neuen Album, zum Beispiel bei einigen der Texte. Die sind wie immer sehr persönlich geworden und daher auch zutiefst emotional. Somit haben wir die Emotionen erhalten, aber sie vielleicht generell weniger theatralisch ausgedrückt. Aber du hast schon Recht, das Album vermittelt auf jeden Fall ein positives Gefühl. Es scheint als würden die Songs sagen: „Ok, das Leben kann manchmal echt beschissen sein, aber du solltest nicht vergessen, dass es immer auch Hoffnung gibt“.

 

Neben der Musik hast du textlich ebenfalls eine eher positive Richtung eingeschlagen. Hast du deinen Stil zu Schreiben seit dem letzten Album in irgendeiner Form verändert oder kann man diene Texte in erster Linie als eine Art Spiegelbild deiner Umgebung und deiner jeweiligen Gefühlslage verstehen?

 

Während dem Songwriting hatte ich auch noch ein anderes, sehr wichtige Projekt am Laufen, nämlich meine berufliche Karriere. Ich betreibe zusammen mit Arno Krabman (Produzent von „My new Time“, Anm. d. Aut.) ein eigenes Tonstudio, das „Graveland Studio“. Und zur gleichen Zeit in der das neue Album entstanden ist, musste ich mich auch um diese Sache kümmern, da wir im Begriff waren zu expandieren. Jens und Mats haben mir daher aus der Patsche geholfen und einige großartige Texte beigesteuert, mit denen ich sehr glücklich war. Es schien sich einmal mehr zu bewahrheiten, dass man einfach nicht immer alles auf einmal tun kann. Aber am Ende kamen dabei ein paar wundervolle Text UND ein großartiges Studio heraus! Und um auf die Frage zurück zu kommen, meine Texte sind in der Tat sehr persönlich und stehen oft mit meinen Erfahrungen in Verbindung. Und da die jetzigen Jungs in der Band schon ewig meine besten Freunde zu sein scheinen – zumindest fühlt es sich so an -  kann ich auch ohne Angst meine tiefsten Emotionen in den Songs verarbeiten.

 

Außerdem habt ihr euch dazu entschlossen dieses Mal auf Grunts zu verzichten. Wie ist diese Entwicklung zu Stande gekommen? Wolltet ihr euch ein Stück weit von den vielen Bands distanzieren, die ähnliche Wege beschreiten?

 

Also während den Arbeiten an den Songs haben wir einfach festgestellt, dass speziell bei diesen Songs die Grunts so gar nicht ins Konzept zu passen schienen, sie wirkten deplatziert. Ich bin einfach der Meinung, dass man generell nur Dinge zu einem Song hinzufügen sollte, die der Sache auch zu 100% dienlich sind. Aber wir fühlten uns auch nicht dazu verpflichtet Grunts zu verwenden, allerdings wollten wir auch erst gar nicht grundsätzlich darauf verzichten. Denn es kann immer gut möglich sein, dass ein paar deftige Grunts einem Song einen qualitativen Schub geben. Wer weiß was die Zukunft bringt, wir werden auf jeden Fall nicht behaupten, dass wir zukünftig generell auf dieses Element verzichten werden.

 

Und wie sehen diesbezüglich die Planung für anstehende Liveverpflichtungen aus? Kann man erwarten, dass ihr euch auf das neuere Material konzentrieren wird, oder werden auch die beiden vorherigen Alben zu ihrem Recht kommen?

 

Wir werden in der Tat eine bunt gemischte Setlist spielen. Ein Mix aus neuen Songs, alten Songs, sehr alten Songs, vielleicht auch ein paar zusätzliche Leckerbissen – etwa ein Coversong oder ein Stück, das wir bis dato noch nicht veröffentlicht haben. Es ist an uns diese Sache sowohl für uns als Band, als auch für die Zuschauer spannend und interessant zu gestalten und ich hoffe wir werden diese Herausforderung bestmöglich meistern. Und am Rand bemerkt: Wenn es zu Death-Growls kommt, dann nehmt euch vor Mats in Acht, er klingt teuflisch! Haha.

 

Bei euren beiden vorherigen Alben hatte ich das Gefühl, dass Bands wie frühe Anathema einen großen Einfluss auf euch zu haben scheinen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich eigentlich eine sehr melancholische Platte erwartet, als ich das Coverartwork zum ersten Mal gesehen habe. Einfach weil es für mich auch in deren Kontext passen würde. Umso überraschter war ich, dass das Cover oberflächlich so wenig mit der eigentlichen Musik auf „My new Time“ zu tun zu haben scheint. Glaubst du, dass das Artwork die Hörer generell auf eine falsche Fährte lockt, da man ein ähnliches Album wie „Summer’s End“ erwarten könnte?

 

Ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Die Texte und Themen, die wir damals behandelt haben, hatten eher einen Geschichten-Charakter. Wir haben Metaphern und alte Geschichten und Sagen benutzt, um persönliche Emotionen greifbarer zu machen. Mittlerweile sind wir aber ungleich direkter geworden und es geht auch unmittelbarer und deutlicher um konkrete Emotionen. In dieser Hinsicht könntest du die beiden Bands vielleicht vergleichen. Aber Stücke wie „Closest Friend Conspire“, „Epilogue“ und „Angel of Desire“ sind nicht gerade erhebend und können nur schwer als fröhlich bezeichnet werden. Anathema sind eine Band, die wir in gewisser Weise bewundern und auch sehr respektieren, was vor allem daran liegt, dass sie konsequent ihren musikalischen Weg gegangen sind, auch wenn einige alte Fans vielleicht inzwischen auf sie spucken. Trotzdem erkunden sie weiterhin ihren musikalischen Horizont. Auch wenn Autumn und Anathema für mich auf keinen Fall ähnlich klingen, hoffe ich doch, dass wir auch zukünftig immer ehrlich zu uns selbst bleiben werden und in erster Linie Musik machen, die von Herzen kommt. Eben so wie Anathema es auch tun.


Bevor ihr jetzt „My new Time“ veröffentlicht habt, trennten sich die Wege zwischen euch und eurem vorherigen Label Universal. War es euch in erster Linie wichtig ein Label zu finden, dass spezieller aufgestellt ist und einen Schwerpunkt im Metal-Bereich hat? Außerdem gibt es keine Band auf Metal Blade, die euch auch nur annähernd ähnelt, womit euch eine hohe Priorität sicher ist.

 

Man könnte sagen, dass es uns ein Anliegen ist, ein Anliegen zu sein, wenn du verstehst. Auf einem Major wird es immer Mainstream-Künstler geben, die wichtiger sind als du. Das ist natürlich völlig normal und wir wissen natürlich auch warum dies so ist und verstehen auch die Geschäftsmechanismen. Jedoch laufen kleinere Bands, die alternative Musik wie etwa Metal machen Gefahr, dass sie in einem großen Unternehmen schnell untergehen. Und du hast recht, Metal Blade haben in der Tat keine Band, die man mit uns vergleichen könnte oder die den gleichen Stil haben. Von daher ist es eine gute Sache, eine Ausnahme darzustellen. Nebenbei bemerkt sind das sehr fähige und hart arbeitende Menschen, die sich stark für uns einsetzen. Das ist das Wichtigste. Uns kommt es nicht auf die Größe des Unternehmens an, sondern der Wille aus allem das Beste heraus zu holen.

 

Womit wir bei einem anderen Problem eurer vorherigen Plattenfirma wären, denn meiner Meinung nach hat „Summer’s End“ nicht annähernd die Aufmerksamkeit bekommen, die es verdient hat. Klar haben sie euch die Tour mit den äußerst erfolgreichen Within Temptation besorgt, aber abgesehen davon haben sie nicht wirklich viel getan, um euch auf dem Schirm der Fans zu etablieren. Kürzlich hat auch Peter Tägtgren mit seiner Band Pain nach einem Album seinen Hut bei der gleichen Firma genommen. Somit drängt sich die Vermutung auf, dass eine Metalband gut daran tut sich von den großen Fischen im Geschäft fern zu halten.

 

Ich denke damit hast du vollkommen Recht und das hat auch uns unheimlich enttäuscht. Hinzu kommt, dass wir zuvor zwar schon seit Jahren gemeinsam unterwegs waren, plötzlich aber Millionen anderer Bands aus dem Boden gewachsen sind, die versucht haben, auf einen ähnlichen Zug aufzuspringen und die auch noch unweit von unserem Termin neue Platten veröffentlichten. Trotzdem schienen fast alle ein wirklich gutes Los gezogen zu haben und was erwischen wir? Eine Firma, die für gewöhnlich nur mit ganz großen Namen arbeitet und nie einen Bezug zum Untergrund hatte. Versteh mich nicht falsch, ich will keinesfalls im Nachhinein rumheulen oder etwas Ähnliches und das würde auch nichts bringen. Ich habe aber das Gefühl, dass am Ende trotzdem etwas Positives für uns herausgekommen ist. Denn als wir am Boden waren, ist uns wieder unmissverständlich klar geworden worauf es ankommt – nämlich auf die Musik. So haben wir uns einfach unsere Instrumente gegriffen und losgelegt. Was dabei herauskam, kann sich jetzt jeder anhören: „My new Time“. Oder anders ausgedrückt: Ein neues Album, eine Gruppe aus großartigen Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf und ein tolles Label.

 

Mit dieser Rückbesinnung kam es dann auch beiläufig zu einem für euch neuen Sound. Wie groß ist der Anteil dieser Entwicklung, der auf die verschiedenen Wechsel im Bandgefüge zurückzuführen ist? Oder kann man generell sagen, dass euer drittes Album auch als Statement verstanden werden kann, im Sinne von ‚Seht her, das sind Autumn im Jahr 2007’ ?

 

Ich glaube dem muss ich nichts mehr hinzufügen. Für uns ist wirklich eine neue Zeit angebrochen. Wir haben uns oft gefragt, ob sich alles gegen uns verschworen hat – doch unterm Strich sind Autumn offensichtlich nicht tot zu kriegen. Mittlerweile gibt es uns schon seit 12 Jahren und spätestens jetzt sollte jedem klar sein, dass ein Ende nicht in Sicht ist!

 

Interview: Markus Rutten – www.sounds2move.de

 

Link: www.autumn-band.com   I   Fotos: Rudy de Doncker

Kommentare: "My new Time" von AUTUMN

Autumn waren noch nie eine Band, der man vorwerfen konnte, auf der Stelle zu treten. Bereits der Sprung vom Debüt „When Lust evokes the Curse“ zum Zweitwerk „Summer´s End" war gewaltig, obwohl man der düsteren Stilrichtung treu blieb. Nachdem das Album zwar in Deutschland erschienen war und auch auf einer Tour als Within Temptation Support betourt wurde, wurde es trotzdem schnell ruhig um die 6 Niederländer, der Durchbruch blieb aus. Diverse Line-Up-Wechsel und eine intensive Suche nach dem perfekten Label später sind Autumn zurück – endlich mit der richtigen Unterstützung im Rücken und überraschend mit einem komplett neuen Sound. Der Albumtitel hätte besser kaum gewählt sein können. „My New Time“ bezieht sich auf ziemlich alles, was in letzter Zeit rund um die Band passiert ist. Autumn klingen auf ihrem dritten Studioalbum frischer, fröhlicher und vor allem rockiger als je zuvor, ohne dabei die Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Wird manch einer der Band den Stilbruch vielleicht nicht verzeihen, so kann sich der ein oder andere doch einfach an einer stimmigen Rockplatte erfreuen, hinter der Musiker stehen, die ihren Weg gefunden haben.

 

Bislang sind die Holländer Autumn immer an mir vorbei gegangen, obwohl sie in einer Musikrichtung zu Hause sind, die mir eigentlich zuspricht. Nun liegt mir ihr Drittwerk „My New Time“ vor, und das erste was auffällt: Mit dem typischen Gothic- oder Symphonic-Metal der Marke After Forever oder Epica, welchen man aus dem Land der Tulpen sonst gewohnt ist, hat die Musik von Autumn nichts (mehr) zu tun. Vielmehr handelt es sich bei „My New Time“ um ein angenehm zu hörendes Rock Album mit weiblichem Gesang. Von der Ballade bis zum rasanten Rocker  (teilweise mit Orgel verfeinert) wird alles geboten. Dass das Album für mich trotzdem nur Mittelmaß darstellt liegt an zwei Dingen. Irgendwie fehlen mir die echten Höhepunkte. Alles klingt so, als hätte man es irgendwo schon mal besser gehört. Und zweitens ist Nienke de Jong zwar zweifelsohne eine gute Sängerin. Dennoch vermag ihre Stimme es nicht, mein Herz (oder andere Körperteile) zu berühren.