Interview mit Floor Jansen von AFTER FOREVER
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Simone: Gestern habt ihr in Berlin euren deutschen Fans erstmals die neuen Songs live vorstellen können. Wie sind die Reaktionen ausgefallen? Floor:
Die Reaktionen waren gut. Natürlich kannten die Leute die Songs noch überhaupt
nicht, aber ich denke auf dem neuen Album sind einige Songs, die besonders
live sehr gut funktionieren. Außerdem gibt es da einige Nummern, die
ziemlich catchy sind sodass man gut mit ihnen zurecht kommt, auch wenn sie
einem unbekannt sind. Es war wirklich cool und wir konnten auch einige CDs
verkaufen, das ist ein gutes Zeichen *lacht* Ich denke die Leute mögen
es. Markus:
Welche Songs sind deiner Meinung nach besonders für ein Live-Set
geeignet? Da gibt es zum Beispiel „Face your Demons“... F:
Ja, aber diesen Song haben wir gestern noch nicht gespielt, denn es gab
ein paar technische Probleme. Da sind allerdings immer noch „Come“
oder „Being Everyone“, die wir schon auf der Südamerika-Tour gespielt
haben. Dort kamen die Stücke gut an, daher haben wir uns auch in Europa
gute Reaktionen erhofft. „Boundaries are Open“ haben wir ebenfalls
gespielt, da man auch bei diesem Song einen recht einfachen Einstieg hat.
Allerdings wollen wir im Moment noch nicht zu viele neue Stücke spielen,
weil die Platte noch nicht so lange draußen ist. M:
Letztes Jahr sagtest du, dass du nach „Invisible Circles“ erst mal
kein Konzeptalbum mehr machen möchtest. War es dir dabei auch wichtig
wieder mehr Freiräume im Bezug auf deine Texte zu haben? Schließlich
bist du nicht mehr an ein Gesamtkonzept gebunden. F:
Na ja, es ist schon eine tolle Sache ein Konzeptalbum zu machen. Keine
Frage. Wir hielten es aber für keine so gute Idee gleich das nächste
Konzeptalbum nachzuschieben. Du hast schon Recht, dass uns die lyrische
Freiheit, aber natürlich auch die Freiheit beim Komponieren der Musik,
gut getan hat. Als wir „Invisible Circles“ gemacht haben wussten wir
ja auch, auf was wir uns da einlassen und dass es nicht immer einfach
werden würde, da es in gewisser Weise eine autobiografische Geschichte
war. Mit „Remagine“ sind wir jetzt neue Wege gegangen und das Album
ist ein Stück weit auch so etwas wie das Gegenteil von „Invisible
Circles“ geworden. Unsere Devise war eher „Weniger ist mehr“. Wir
wollten die Songs nicht überladen und das Ganze einfach direkter machen,
aber auch heavyer. |
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S:
Stimmlich gehst du es auf dem neuen Album eher rockig an. Wie wichtig war
es dir nach „Decipher“ und „Invisible Circles“ auch andere
Facetten zum Ausdruck bringen zu können? F:
Schon bei „Invisible Circles“ habe ich mehr mit meiner Rock-Stimme
gearbeitet als je zuvor. Auf dem neuen Album wollte ich versuchen so viele
Stile wie möglich zu verwenden. Die Rock-Stimme, den opernhaften Stil,
mal mit Kopfstimme oder auch mal etwas tiefer und nicht immer nur hoch.
Ich wollte es einfach interessanter machen und zeigen, dass ich mehr kann
als diese hohen Töne. S:
„Strong“ ist wahrscheinlich der emotionalste Song, den After Forever
jemals geschrieben haben. Da steckt ein großer Teil von dir drin, nicht
wahr? F:
Richtig, dieses Lied ist für und über meine rheumakranke Mutter. Sie ist
noch sehr jung und kann schon jetzt einige Dinge nicht mehr tun, die
eigentlich selbstverständlich sind. Außerdem gibt es keine Aussicht auf
Heilung, es kann nur schlimmer werden. Das ist nicht gerade ein angenehmer
Gedanke, zumal ich meiner Mutter auch sehr nahe stehe. Mit diesem Text drücke
ich einfach meine Gedanken und Emotionen darüber aus. Meine Mutter ist
eine starke Frau und das versuche ich damit zum Ausdruck zu bringen. M:
Zudem lässt sich der Text auch auf Andre (AF’s Schlagzeuger, dem während
der Vorproduktion des neuen Album Krebs attestiert wurde, den er
mittlerweile dank Chemotherapie und anderen Behandlung besiegen konnte.
Anm. d. Aut.) und Peter (Fotograf der Band und des Fanclubs, anm. d. Aut.)
ummünzen, weil er auch in ihrem Fall perfekt passt. Ich denke das macht
den Song noch deutlich gewichtiger. F:
Definitiv. Ich habe den Text zwar für meine Mutter geschrieben aber das
Ganze wurde noch emotionaler nachdem Peter gestorben war und der Text auf
seiner Beerdigung verwendet wurde und dort auch der Song gespielt wurde.
Du hast außerdem Recht, dass er scheinbar auch wie für Andre gemacht
scheint. M:
Aufgrund seiner Erkrankung habt ihr dann ja auch die Drum-Parts der
Vorproduktion auf dem fertigen neuen Album verwendet. F:
Diese waren zum Glück schon so gut, dass wir sie ohne Probleme nutzen
konnten. Jedoch fehlten uns noch bei einem Song die Schlagzeugaufnahmen
und das war – rate mal: „Strong“. Andre hat diese dann dennoch
selbst machen wollen also hat er zwischen diversen Behandlungen und Chemos
noch diesen Titel eingespielt. Das verleiht dem Lied einen weiteren sehr
emotionalen Aspekt, gerade wenn man weiß, dass er da mitten in seiner
Krankheit trommelt und es ein Song ist, der auch von seiner Situation zu
dieser Zeit handelt. |
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M:
Wechseln wir das Thema in einer erfreulichere Richtung. Für das Cover des
neuen Albums habt ihr erstmals ein Bandfoto anstelle eines Artworks
verwendet. Gehe ich recht in der Annahme, dass es euch wichtig war auch
mal die Gesichter hinter der Musik zu zeigen? F:
Da liegst du goldrichtig. Es wurde Zeit einmal die Menschen zu zeigen, die
für diese Songs stehen und die für all das verantwortlich sind. Außerdem
wollten wir uns damit auch von den anderen Bands mit weiblichem Gesang
etwas abkapseln. M:
Damit seid ihr bei den Fans nicht nur auf grenzenlose Zustimmung gestoßen.
Viele hatten wieder ein durchgestyltes Artwork erwartet. F:
Sicher, die gab es zu genüge. Einige Leute sagten gleich ‚Was ist das?
Das mag ich nicht. Es soll lieber sein wie...’. Für sie soll immer
alles gleich bleiben - und das waren nicht wenige. Klar gab es auch viele
positive Reaktionen, aber man hat schon gemerkt, dass einige Leute nicht
einverstanden damit waren. Ich denke wer unsere Musik wirklich hört, der
weiß dass sie sich verändert und das wirkt sich natürlich auch auf das
Artwork aus. Man muss den Leuten aber auch Zeit geben sich daran zu gewöhnen.
Ich denke das ist das größte Problem. Man hat einfach eine gewisse
Erwartung an uns und wenn wir dann plötzlich mit etwas komplett neuem
kommen, überrumpeln wir die Fans damit in gewisser Weise auch. Man muss
einfach sehen, dass wir niemals jeden glücklich machen können. Aber das
wollen wir auch nicht, denn wir haben immer gemacht was wir für richtig
gehalten haben und das wird auch so bleiben. Wenn es jemandem nicht gefällt
können wir ihm auch nicht helfen. Natürlich hoffen wir, dass die Leute
unsere Musik und das Drumherum mögen, aber wenn jemand die Platte links
liegen lässt weil ihm das Artwork nicht zusagt, dann verpasst er was. |
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M:
Es gibt immer Leute, die nur an der Oberfläche kratzen anstatt sich näher
mit etwas zu beschäftigen. Wenn jemand sagt ‚Das Cover ist hässlich,
diese und je CD höre ich mir nicht an’ dann ist das schon eine fragwürdige
Herangehensweise. F:
Sicher, so was kann passieren. Aber diejenigen, die uns kennen und dann so
handeln kann ich nicht verstehen. Was ist wichtig für sie? Die Musik?
Wohl eher die Verpackung. Aber daran möchte ich auch gar nicht zu viele
Gedanken verschwenden. Wenn jemand After Forever noch nicht kennt, dann
glaube ich zeigt dieses Cover deutlich mehr von uns als die Artworks
zuvor, denn es ist mehr ‚straight in your face’ und zeigt recht gut für
was wir stehen und was einen erwartet. S:
Auf „Remagine“ habt ihr mit „No Control“
einen Song ohne deinen Gesang. Ist es nicht ein seltsames Gefühl für
dich einen After Forever Song zu hören in dem nur Bas und Sander singen? F: Nein. Bisher hatten wir auf jeder CD ein sehr hartes Stück wie etwa „Blind Pain“ und dies ist eben der harte Song auf „Remangine“. Der Song kommt auch ohne mich aus, denn ich denke wenn ich dazu käme würde das den ganzen Titel in eine andere Richtung ändern. Vielleicht würde es ihn melodramatischer machen, aber das kann man so schwer sagen. Es war in diesem Fall auf alle Fälle besser, dass ich mich rausgehalten habe, denn so bleibt die Aggression erhalten, die sonst vielleicht etwas abhanden gekommen wäre. Der Song sollte einfach funktionieren und das tut er. Genau so ist es mit den Grunts. Wir müssen keine Grunts benutzen, aber wenn es nun mal zum Song passt – warum nicht? So war es in diesem Fall mit meinem Gesang. Nebenbei kann ich die Zeit nutzen um die Jungs unter sich zu lassen und beispielsweise ein Bier zu trinken *lacht* |
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S:
Insgesamt sind die Stücke auf dem neuen Album größtenteils kürzer
ausgefallen. War das auch ein Schritt im Zuge eurer „Weniger-ist-mehr“-Phase? F:
Ja. Und wir wollen dieses Mal einfach keine übermäßig komplexen Sachen
machen. Wir wollten das Album auch etwas leichter konsumierbar machen, natürlich
ohne dabei die Heavyness zu verlieren. M:
Also mal weniger progressiv, dafür mehr packende Rocknummern. F:
Ja, so könnte man es sagen. Eher eine Art „Rock-Metal“. Aber ohne die
Atmosphäre und die schönen Melodien zu verlieren. M:
Joost (van den Broek, Keyboard – Anm. d. Aut.) kam nur kurze Zeit vor
dem Start des Songwritings für „Remagine“ in die Band. Trotzdem hat
er gleich eine große Rolle beim Komponieren gespielt. F:
Genau. Er und Sander machen das komplette Songwriting, die Strukturen und
die Arrangements. Anschließend schreibe ich meine Gesangslinien. Danach
setzt die komplette Band die Fragmente zusammen. Wir haben eine sehr
genaue Vorstellung davon wie ein After Forever Song klingen soll, daher
produzieren wir sehr viel selbst. Bei uns hat auch der Produzent, in
diesem Fall Sascha Paeth, keinen Einfluss auf das Songwriting. Er macht
Vorschläge und hilft uns enorm bei der Umsetzung, aber im Endeffekt hat
er keinen Einfluss auf das Songwriting. Für Sander war es fantastisch mit
Joost zusammen zu arbeiten, denn die Chemie hat einfach gestimmt. Beide
haben dieselbe Auffassung von Musik und sie verstehen sich blind. Außerdem
ist Joost gelernter Studiotechniker was sich selbstverständlich positiv
auswirkt. Die Streicher und die Chöre hat er komplett arrangiert und
Sascha hat dann nur noch den Mix gemacht. Wir sind sehr glücklich mit
Joost, denn er versteht sein Handwerk wirklich und passt perfekt zu uns. |
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M:
„Remagine“ entstand während einer Zeit, die sehr schwierig für die
Band war. Das haben wir ja nun ausführlich besprochen. Wenn man die
Hintergründe kennt ist es für den einen oder anderen sicher überraschend
dass das Album nicht düsterer oder pessimistischer ausgefallen ist, oder? F:
Aber viele Leute kennen eben diese Geschehnisse nicht. Und man muss
bedenken, dass die Songs zu diesem Zeitpunkt bereits fertig geschrieben
waren. Wir sind keine Band, die erst im Studio zu schreiben anfängt.
Andres Krebsdiagnose kam ja schon während der laufenden Vorproduktion und
das hat natürlich den Spaß an den finalen Aufnahmen deutlich gehemmt.
Wenn man ein neues Album aufnimmt schmiedet man ja auch diese und jene Pläne
und denkt über die Zukunft nach. Das haben wir auch getan, aber es hat
sich deutlich weniger gut angefühlt als wenn wir komplett gewesen wären.
Als das Album fertig war hatte Andre sein Krebsleiden besiegt und er
konnte wieder zu uns stoßen. Wir hätten niemals gedacht, dass wir ihn so
bald wieder bei uns haben würden. Schon allein weil die Therapie einem
auch ganz schön zusetzt. M:
Könnte man sagen, dass die Aufnahmen des neuen Albums genau zur richtigen
Zeit kamen um den Kopf etwas frei zu bekommen und auf andere Gedanken zu
kommen? Vielleicht eine Art Therapie für die anderen Bandmitglieder? F:
Leider nein. Ich wünschte es wäre so gewesen! Es hat einfach etwas
gefehlt wenn Andre nicht dabei war. Wir konnten kaum konzentriert
arbeiten, denn wir wussten, dass es einem Freund wirklich schlecht geht.
Es hat Spaß gemacht, aber nicht in dem Maße wie wenn wir komplett
gewesen wären. Man fragt sich ständig wann man endlich wieder vollzählig
sein wird und ob man überhaupt jemals wieder zusammen Musik machen kann.
Das ist keine angenehme Situation... S:
Die erste Single wird „Being Everyone“ sein und es wird auch ein Video
geben, das ihr in Brasilien aufgezeichnet habt. F:
Richtig. Wir haben dafür in Rio de Janeiro gefilmt und dort auch ein paar
Aufnahmen während der Show gemacht. Später sind wir auch noch mit einem
Boot aufs Meer gefahren und haben dort noch ein paar Einstellungen
aufgenommen. Ich finde es ist uns gut gelungen. |
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S:
Ihr habt mit Within Temptation zusammen das Konzert auf Java Island
bestritten. Wie fällt euer Resümee aus? F:
Es war wirklich cool. Schon allein dass wir eingeladen wurden. Es war
toll, dass wir „Beyond Me“ zusammen mit Sharon (den Adel, Sängerin
von Within Temptation – Anm. d. Aut.) spielen konnten. Den Song haben
wir damals für „Prison of Desire“ gemacht und ich hätte nie gedacht,
dass wir ihn mal in dieser Form live präsentieren könnten. Als ich sie
einige Tage vor dem Konzert gefragt habe hätte ich nie gedacht, dass sie
zusagt. Es war sehr schön, auch wenn wir wegen des schlechten Wetters in
einem Zelt spielen mussten. Da wurde ein wenig improvisiert, besonders bei
Sharon. Sie musste ohne ihr übliches Equipment auskommen, ohne ihren
In-Ear-Monitor und es war auch keine große Zeit fürs Make-Up. Also hat
sie in Jeans und Mantel mit uns gesungen. Es hat Spaß gemacht und den
Zuschauern hat es sehr gut gefallen. M:
Glaubst du dass dieser Auftritt vielleicht als Goodie auf der DVD mit
drauf sein wird? F: Ich weißt dass gefilmt wurde, aber meines Wissens nach nur auf der großen Bühne. Das ist uns auch nicht so wichtig, denn das ist Sache von Within Temptation. |
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S:
Im Januar werdet ihr dann ausgiebig auf Tour gehen, richtig? F:
Ja, im Januar und Februar soll die Tour stattfinden. Allerdings nicht in
Deutschland so wie es im Moment aussieht. Es ist schwierig hier geeignete
Auftrittsorte zu finden. Wir arbeiten hart daran ein paar Shows zu
bekommen aber wir wollen auch nicht in jedem miefigen Loch spielen dass
uns angeboten wird *grinst*. Natürlich haben wir kein Problem damit
kleine Clubs zu spielen, aber gewisse Dinge müssen einfach erfüllt
werden bzw. vorhanden sein. Bisher gibt es allerdings keine harten Fakten
diesbezüglich. Wir konnten auch bisher noch nicht so oft hier spielen wie
wir es gerne wollten. Es wird aber immer besser und ich hoffe, dass wir
noch ein paar Termine bekommen. Ich kann den Fans nur ans Herz legen
regelmäßig auf unsere Homepage zu schauen.
M:
Am einfachsten wäre da wohl ein Support-Slot. F: Ja, das ist was wir momentan versuchen. Es wäre schön eine Band zu finden zu der wir passen und mit der wir gut auskommen. Bisher ist noch nichts sicher. Aber wir werden definitiv zurückkommen, nur wann können wir jetzt noch nicht sagen. |
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Interview: Markus Rutten & Simone Steinbüchel / Ausarbeitung: Markus Rutten - www.sounds2move.de * Fotos: www.afterforever.com